Stephan M. Rother konstruiert ein packendes Duell zweier gegensätzlicher Seele

23 Apr

Das „Fleurs du Mal“ ist ein eher zwielichtiges Etablissement im Herzen Hamburgs. Die Kunden kaufen hier nicht einfach nur Sex, hier können sie auch ihre dunkelsten Phantasien ausleben. Dass das damit endet, an einen Stuhl gefesselt, gefoltert, verstümmelt und schließlich ermordet zu werden, ist jedoch selbst für das „Fleurs du Mal“ ungewöhnlich – und so herrscht dort helle Aufregung als die Polizei eintrifft.

Ein Polizist als Mordopfer in „Ich bin der Herr deiner Angst“

Die Beamten der Mordkommission, die in ihren Laufbahnen schon einiges gesehen haben, trifft beim Anblick der Leiche ein Schock. Der Ermordete war einer von ihnen, offenbar ist ein Undercover-Einsatz gründlich daneben gegangen. Die Polizisten rund um das ungewöhnliche Duo Jörg Albrecht und Hannah Friedrich hat gerade erst mit den Ermittlungen begonnen, als die nächste Hiobsbotschaft eintrifft. Eine weitere Kollegin ist verschwunden – auch sie wird kurze Zeit später grausam zugerichtet und ermordet aufgefunden. Irgendjemand hat es, so scheint es, auf die Beamten des Kommissariats von Albrecht abgesehen.

Ein furioser Auftakt

Stefan M. Rother ist mit „Ich bin der Herr deiner Angst“ der dichteste und temporeichste Auftakt zu einem Kriminalroman dieses Jahres gelungen. Mit seinem kunstvoll gewebten Schrecken hilfloser, selbst ins Visier geratener Polizisten zieht er seine Leser in den Bann.

Leider, so viel sei vorweg genommen, kann er das furiose Tempo des Auftaktes nicht ganz halten. Die Geschichte dreht sich nach kurzer Zeit. Aus einem packenden Polizeiroman entwickelt sich ein beinahe ebenso fesselnder Psychothriller. Ins Zentrum des Falles um eine lang zurück liegende grausame Verbrecherserie entwickelt sich ein Duell zweier gegensätzlicher Geister. Der leidenschaftliche Polizist und Kämpfer für die Wahrheit Jörg Albrecht muss sich nicht nur einem perfiden Verbrecher, sondern auch seinen dunkelsten Geheimnissen und einem komplexen Geflecht aus Angst, Manipulation und Rache stellen. Diese Auseinandersetzung mit der eigenen Psyche drückt aufs Erzähltempo, ist deshalb aber keineswegs weniger spannend.

Stephan M. Rother arbeitet mit spannenden Perspektivwechseln

„Ich bin der Herr deiner Angst“ ist auch deshalb spannend, weil Rother zumindest zwei Perspektiven verwendet. Neben der „Draufsicht“ des Erzählers lässt er die Kommissarin Hannah Friedrichs ihre Sicht auf die Ereignisse schildern. Dieser dauernde permanente Persepktivwechsel ist ein gelungener Kniff, die Geschichte noch einmal interessanter zu erzählen. Auch deshalb gehört der Kriminalroman zu den interessantesten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs.

 

Tatort:Hamburg

Das Leben eines Polizisten spielt sich offenbar an drei Orten ab. Entweder besichtigt er einen Tatort, oder er sitzt sich seinen Hintern im Kommissariat platt, oder er macht das Gleiche hinter dem Steuer seines Wagens. Stephan M. Rother scheint mit der Verkehrssituation der Freien und Hansestadt Hamburg nicht recht zufrieden zu sein, zumindest lässt er seine Protagonisten regelmäßig in den verstopften Adern eine offenbar kurz vor dem Infarkt stehenden Patienten im Stau stehen. Wer zur Rush-hour schon einmal Zeit auf einem der sogenannte „Ringe“ zugebracht hat, wird in „Ich bin der Herr deiner Angst“ sehr schnell den Tatort Hamburg wiedererkennen. Über die Lenkrad-Perspektive hinaus bleibt Hamburg in dem Roman eher blass. Die Stadt ist zum einen eher Staffage für ein Duell, dass in erster Linie in den Köpfen der Hauptdarsteller ausgefochten wird und zum anderen geht es zur Ermittlung regelmäßig nach Niedersachsen, selbst Braunschweig wird so beinahe zum Vorort der Stadt an der Elbe. Das ist gewagt, tut dem „Gesamtkunstwerk“ aber keinen Abbruch.

Stephan M. Rother, Ich bin der Herr deiner Angst, Rowohlt Polaris, 9,99€

VÖ: 2. April 2012