Ein erschütternder Krimi: Sam Hawkens „Die Toten Frauen von Juárez“

19 Mai

Kelly Courter lässt sich dafür bezahlen, dass ihn andere verprügeln dürfen. Der US-Amerikaner war einst ein talentierter Boxer, geriet jedoch auf die schiefe Bahn, musste aus seiner Heimat flüchten und schaffte es ziemlich genau so gerade eben über die Grenze. In Ciudad Juárez, dem mexikanischen Ort auf der anderen Seite des großen Grenzflusses, dient Courter seither als Sündenbock. In windigen Kämpfen muss sich der „Weiße“ aus dem verhassten Norden zur Belustigung der Einheimischen von mäßig talentierten Nachwuchsboxern auf die Bretter schicken lassen, so verlangt es eine festgelegte Choreographie.

Nur beinahe ein geregeltes Leben

Die getürkten Kämpfe reichen nicht einmal für die schäbigste Existenz. Kelly Courter bessert daher sein „Einkommen“ auf, in dem er leichtere Drogen an seine unerhaltungssüchtigen Landsleute, die für einen schnellen Trip die Grenze passieren, vertickt. Ein erbärmliches Leben? Vielleicht. Immerhin reicht es für den Boxer zu einer Wohnung in einem nur mittelmäßig heruntergekommenen Stadtteil, jede Menge Alkohol, einen gelegentlichen Joint – und zu einer Beziehung. Paloma ist vermutlich das Beste, was dem Mann seit seiner Flucht aus den USA passiert ist. Mit der Mexikanerin führt er beinahe so etwas wie ein geregeltes Leben.

Ein Boxer unter Mordverdacht

Man ahnt jedoch, dass das nicht lange gut gehen kann. Tatsächlich versinkt Courter nach einer Krise einmal mehr im Drogenrausch und bekommt nicht mit, dass seine Freundin, die sich für vermisste Frauen einsetzt, selber entführt und wenig später brutal verstümmelt und ermordet aufgefunden wird. Kaum hat er in einem seltenen Moment der Klarheit seinen Verlust realisiert, muss er sich Vorwürfen der Polizei erwehren, dass er selber, der Gringo aus dem Norden, der Mörder ist. Er gerät in die Klauen der Exekutive – und die ist in Ciudad Juarez nicht gerade zimperlich. Der einzige, der Kelly Courter noch retten kann, ist der Drogenfahnder Rafael Sevilla, der versucht den Fall aufzuklären.

Ein Krimi um die „verschwundenen Frauen von Juárez

Sam Hawkens hat sich die Geschichte um den heruntergekommenen Boxer erdacht. Sein „die toten Frauen von Juárez“ basiert dabei auf einem wahren Verbrechen. Seit den neunziger Jahren sind in Ciudad mehrere hundert Frauen im Alter zwischen 13 und 25 Jahren verschwunden. Viele wurden verstümmelt, ermordet und nicht wieder identifizierbar aufgefunden. Bis heute sind diese Morde nicht aufgeklärt. Sam Hawkens bietet in seinem Kriminalroman rund um das reale Verbrechen, keine wirkliche Erklärung an, spinnt aber rund um die Schicksale der Frauen eine glaubwürdige Fiktion.

Sam Hawkens Krimi ragt deutlich aus dem Durchschnitt heraus

Sam Hawken gelingt mit seinen „Toten Frauen von Juarez“ in mehrfacher Hinsicht ein großartiger Kriminalroman. Zunächst erzählt der US-Amerikaner eine spannende Kriminalgeschichte mit Protagonisten, deren abwärts führende Spirale des Lebens eine hypnotische Kraft entfalten. Außerdem zeichnet Hawken ein glaubwürdiges und erschütterndes Bild einer verlorenen Stadt entlang der großen Drogenroute von Südamerika in die USA. Schließlich findet 42-Jährige eine Sprache, die mit ihrer Mischung aus lakonischer Nüchternheit und mitreißender Emotionalität das Leben auf der Verliererseite perfekt wiedergibt. Insgesamt gelingt Hawken also ein Roman, der deutlich aus dem monatlich veröffentlichten Krimi-Durchschnitt herausragt und belegt, dass ein Krimi gleichzeitig unterhalten und erschüttern kann.

 

Tatort:Mexiko

Viele Städte fordern für sich den eher zweifelhaften Titel „Hauptstadt des Verbrechens“. Ciudad Juárez hätte bei einem Entscheidungskampf beste Aussichten auf den Titel. Drogen, Prostitution, Bandenkriege und durchschnittlich sieben Morde am Tag charakterisieren das Leben der mexikanischen Stadt, die doch eigentlich den hoffnungsvollen Namen des ersten indianisch-stämmigen Präsidenten und Reformers Benito Juárez trägt.

Die Lage der Millionenstadt ist ihre größte Bürde. Sie liegt weit entfernt von den Stätten früher mexikanischer Hochkultur oder der Hauptstadt an einem Grenzfluss, der je nach Herkunft Rio Grande (USA) oder Rio Bravo (Mexiko) genannt wird. Direkt nördlich der Grenze liegt, beinahe als Spiegel, das US-amerikanische El Paso. Seit Jahren führen die Mexikaner einen vergeblichen Krieg gegen die Drogenkartelle.

Die Mexikaner selber sehen ihre Heimat dabei gerne als Opfer, als Transitland der Drogenkartelle aus Südamerika, die ihre „Ware“ zu den Märkten in den USA bringen. Das stimmt vermutlich Unbestritten ist aber auch, dass an diesem Transport auch mexikanische Banden verdienen. Ciudad Juárez ist dabei ein Knotenpunkt, sowohl des großen Drogenhandels als auch des kleinen Grenzverkehrs, bei dem US-Bürger „mal eben“ über die Grenze fahren, um sich einen schnellen Rausch zu organisieren. Die Mauer, der Zaun, oder wie auch immer man die Grenze nennen will, den die US-Autoritäten an der mexikanischen Grenze errichten, ist offenbar für alles durchlässig, soll nur unerwünschte illegale Einwanderer aus dem Süden abschrecken (wirklich aufzuhalten vermag er auch sie nicht).

Sam Hawken zeichnet ein überaus erschütterndes Bild der Grenzstadt, in dem die Probleme zwischen Nord und Süd in einem blutigen, bitteren Sud mit tödlicher Nebenwirkung kondensieren.

Sam Hawken, Die toten Frauen von Juárez, Tropen, 317 S., 19,95 €

VÖ: Mai 2012