Sherlock Holmes, Großvater aller Detektive, Klassiker der Literatur

22 Mai

Seine Beobachtungsgabe ist unvergleichlich. Seine Gabe der Deduktion verhilft ihm immer dazu, sein Umfeld bis zur Atemlosigkeit ins Erstaunen zu versetzen. Außerdem glaubt er an die Naturwissenschaften, allerdings nicht, weil er die der Welt systematisch zu erforschen suchte, oder weil ihn unternehmerischer Ehrgeiz trieb. Das Interesse des Briten liegt allein in der Wahrheit, genauer gesagt der Aufdeckung verbrecherischer Machenschaften.

Der bekannteste Detektiv Europas

Mit diesen Eigenschaften wurde Sherlock Holmes im 19. Jahrhundert zum bekanntesten Detektiv Europas, vermutlich sogar der Welt – eine Position, die er selbst in Zeiten von Hollywood und seinen Heroen nicht räumen musste. Im Gegenteil: Immer neue Verfilmungen für Kino und Fernsehen mehren den Ruhm des Privatermittlers. Aktuell läuft im Fernsehen eine bemerkenswerte Adaption der Sherlock Holmes-Stoffe durch die britische BBC im deutschen Fernsehen.

Sherlock Holmes, Dandy und Wissenschaftler

Der Brite Sir Arthur Conan Doyle erdachte zum Ende des 19. Jahrhunderts die Figur des genialen Detektivs und schuf sich mit dessen Wegbegleiter Dr. Watson ein literarisches Alter Ego. Doyle selber praktizierte bei seinem Krimi-Debüt 1887 als  Arzt, konnte aber wegen des schnellen Erfolges bald von seiner Schreiberei leben. Das Werk um den eigenwilligen Detektiv, der die Eigenschaften eines Dandys alter Schule (und Zeit) und eine Wissenschaftlers moderner Prägung vereinte, umfasst vier Romane und eine Vielzahl von Kurzgeschichten, die ursprünglich in Zeitschriften erschienen und erst später in fünf Sammelbänden zusammengefasst wurden.

Sir Arthur Conan Doyle und sein Alter Ego, Dr. Watson

Die „Geburtsstunde“ erlebte Sherlock Holmes in „A Study in Scarlet“, in dem er zunächst mit Dr. Watson zusammengeführt wird. Aus ökonomischen Zwängen bilden beide, wie man heute sagen würde, eine Zweck-WG. Holmes hat bereits einen Ruf als findiger Detektiv und wird von der Polizei nach einem mysteriösen Mord um Hilfe gebeten. Natürlich verwickelt er seinen neuen Mitbewohner in den Fall. Dr. Watson wird so nicht nur Opfer regelmäßiger Stichelein des eigenwilligen Detektivs sondern wird zu dessen Chronist. Die Romane und Kurzgeschichten sind sämtlichst aus der Sicht Watsons erzählt.

Eine Krimi rund um die merkwürdigen Ideen der Mormonen

A Study in Scarlet führt zunächst die überlegene Beobachtungsgabe Sherlock Holmes ein, spielt gekonnt mit den Erwartungen seiner Leser. Möglicherweise ist der Erstling noch nicht einmal der spannendste oder gelungenste Kriminalroman Doyles, aber er ist in jedem Fall hochinteressant, auch weil er im Prinzip zwei Romane in einem vereint.

Zunächst erzählt gebürtige Edinburgher die Geschichte um Holmes, Watson und die gemeinsamen Ermittlungen. Im eine zweiten Teil, als die Lösung sich abzuzeichnen beginnt, malt Doyle detailverliebt eine tragische Liebesgeschichte rund um die US-amerikanischen Mormonen und bringt so seinen Lesern die merkwürdigen Sitten und Riten der „Heilige der letzten Tage nahe.

Eine vielschichtiges Interesse für Geheimbünde aller Art

Die Polygamisten und fanatischen Christen aus den USA bildeten vermutlich den idealen Nährboden, auf dem Sir Arthur Conan Doyle seine Ideen züchtete. Der schreibende Arzt hatte zeitlebens ein Faible für das Exotische, für Übersinnliches und alle Arten von Geheimbünden. Aus seiner Sicht füllten die „Heiligen der letzten Tage“ (übrigens ein selbst verliehener Titel) vermutlich alle drei Kategorien perfekt aus. Diesen Teil der Geschichte lassen übrigens die meisten Verfilmungen aus rein praktischen Gründen aus. Auch deshalb lohnt es sich, den Krimi in Buchform zur Hand zu nehmen.

Vom „Groschenroman“ zur Weltliteratur

„A Study in Scarlet“ und all seine Geschwister haben eine interessante Metamorphose durchgemacht. Der Autor verfasste sie in erster Linie als Unterhaltungsware, die meisten Originale erschienen daher in Heftform, heute würde man vermutlich von Groschenromanen sprechen, über die Jahre mauserten sich die Geschichten um den Londoner Detektiv und seinen Mitstreiter zu Globus-umspannender Weltliteratur. Diese Einordnung ist schon allein wegen ihrer Wirkung gerechtfertigt: Natürlich hat Sir Arthur Conan Doyle weder die Figur des Detektivs noch das Genre des Kriminalromans erfunden, aber sein Sherlock Holmes ist über Generationen hinweg, stilbildend und vorbildhaft für Detektivgeschichten in aller Welt. Sherlock Holmes ist sozusagen der Großvater aller modernen Ermittler, Sir Arthur Conan Doyle Vorbild und Ansporn für Hunderte Krimi-Autoren. Dafür gebührt ihm Respekt und Dank aller begeisterten Krimi-Leser. Ganz neben bei sind die Geschichten aus einer anderen Zeit bis heute spannende, höchst unterhaltsame Kriminalgeschichten.

 

Tatort:London

221b Baker Street lautet eine der bekanntesten Adressen der Welt. Hier stand in der Phantasie des Autors das Haus, in dem Sherlock Holmes und Dr. Watson lebten und ihre Fälle lösten. Das literarische Werk von Sir Arthur Conan Doyle führt den Leser aber in das London des 19. Jahrhundert. Der Brite beschreibt die Weltmetropole in jenen Hochzeiten des britischen Weltreiches, als Glanz und Elend einer oft noch zügellos industrialisierten Metropole sehr dicht beieinander lagen. So bewegen sich Holmes und Watson gerne in den Kreisen – aber vor allem auch nach den Regeln – der „besseren Gesellschaft“, während auf den Straßen oft das blanke Elend herrscht. Sir Arthur Conan Doyle schrieb keine aufrüttelnden Sozialreportagen, aber die Gegensätzlichkeiten der viktorianischen Gesellschaft schimmern immer wieder durch. Insofern liefert das Werk um Sherlock Holmes vielleicht keinen brauchbaren geographischen, aber nach mittlerweile ziemlich genau 125 Jahren einen sehr guten historischen Atlas, der dem Leser nicht nur eine Stadt, sondern eine ganze Epoche erschließt.

Sir Arthur Conan Doyle, A Study in Scarlet

VÖ: 1887
Autor: