Varg Gyllander schreibt seine kriminalistische Familiensaga um Ulf Holtz fort

29 Mai

Die Ostsee ist ein eher kühles Gewässer. In Teilen friert sie im Winter zu, selbst im Süden bleibt Badespaß eher von erfrischender Natur. Ausgerechnet dort jedoch zernagen tropische Pyranhas einer Leiche das Gesicht. Das geht, so hat sich das der Autor erdacht, weil die kleinen Raubfische sich nicht in, sondern auf der Ostsee leben. Eine Reederei hatte versucht, einen unrentablen Kreuzfahrtdampfer durch den Einbau eines künstlichen Regenwaldes aufzumotzen. Mit mäßigem Erfolg.

Eine unbekannte Leiche im Regenwald

Forensiker Ulf Holtz und Polizistin Ellen Brandt fliegen jedenfalls in einem Sturm auf das Schiff, auf dem der Tote im Regenwald liegt. Sie beginnen mit den Ermittlungen, im Hafen stößt dann noch Ermittlerin Pia Levin hinzu. Für mindestens zwei der Beamten soll der Besuch auf dem abgewirtschafteten Kreuzfahrtschiff noch unangenehme bis desaströse Folgen haben. Einstweilen haben die Ermittler noch Schwierigkeiten, die Identität des Opfers zu klären und wirklich brauchbare Spuren ergibt die Untersuchung des Tatorts auch nicht.

Der dritte Fall für Ulf Holtz und seine Kollegen

Varg Gyllander schickt sein eigenwilliges Team um die forensische Abteilung der Stockholmer Polizei bereits zum dritten Mal auf Verbrechersuche. Dem Schweden Gyllander gelingt dabei jedes Mal ein glaubwürdiges Bild der Ermittlungsarbeit. Im neuesten Fall „Tote reden nicht“ allerdings droht sein Protagonist, Ulf Holtz, eher zur Karikatur eines Polizisten zu mutieren. Er stolpert, durch mannigfaltige Probleme und heftig nagendem privatem Selbstzweifel beladen, eher durch die Szenerie als das er wirklich ermittelt. Die entscheidenden Funde, so wirkt es, gelingen meist den anderen. Das ist meist unterhaltsam, aber auch ein wenig abschreckend, denn der Leser will ja, wie das einst eine Autorin aus Österreich formulierte, das Vertrauen zum Protagonisten aufbauen, dass dieser „das am Ende schon hinbekommt“. Bei Holtz kommen da doch gelegentlich Zweifel auf.

Erneut viel Raum für Privates in „Tote reden nicht“

Dass „Tote reden nicht“ dennoch auf seine Weise unterhaltend ist, liegt an der skandinavischen Tradition dem Privatleben der handelnden Personen viel Raum einzuräumen. Wer den Kriminalromanen derartiger Serien regelmäßig folgt, liest eigentlich umfassende Familiensagas. Gyllander kreist anders als in „Eiskalte Rache“ diesmal etwas weniger um die Probleme des alternden Ulf Holtz. Er räumt dessen Kollegen mehr Raum ein und deshhalb gelingt es ihm in seinem dritten Band, seinem ermittelnden Trio eine vielschichtige Tiefe zu verleihen, mit persönlichen Schicksalen, die glaubwürdig sind.

Wer also gerne Krimis oder Thriller liest, bei denen es im höchsten Tempo kracht, ist mit Varg Gyllanders Serie weiterhin schlecht beraten, wer jedoch einen facettenreichen, geruhsam erzählten Krimi schätzt, wird sich mit Holtz, Levin und Brandt in „Tote reden nicht“ gut anfreunden können.

 

Tatort: Stockholm

Eigentlich spielt Tote reden nicht“ auf einem Schiff, genauer gesagt auf einem Kreuzfahrtschiff, aber bereits das ist vermutlich eine ungenaue Übersetzung. So wie Gyllander das beschreibt, handelt es ich um eine Fährverbindung, die Stockholm mit einem nicht näher bezeichneten Hafen in der Ostsee verbindet. Der Gedanke des Kreuzfahrtschiffes kommt wohl auf, weil die MS Vega Reisende transportiert, deren Plan es nicht etwa ist, irgendwo hinzukommen. Die meisten Gäste hatten sich in der Blütezeit dieses Schiffstyps an Bord einquartiert, um an billigen Alkohol zu kommen. Wein, Schnaps und Bier sind in Skandinavien notorisch unbezahlbar und bevor ganz Europa (zumindest das auf der Ostsee erreichbare) der EU angehörte, bot sich den Schweden auf dem Weg nach Polen oder ins Baltikum steuer- bzw. alkoholtechnisch ein Paradies. Die ganze Tristesse dieser mittlerweile weitgehend sinnlos gewordenen Schiffspassage beschreibt Gyllander sehr genau.  Man meint die heruntergekommene Spießigkeit zwischen Glücksspielautomaten, Barhockern und Buffet-Restaurants beinahe riechen zu können.

In einem hübschen Einfall lässt Gyllander auch eine Figur der Krimi-Legenden Maj Sjowall und Per Wahlöö mitreisen. Der Kapitän der MS Vega steuerte demzufolge (auch denn bei genauem Nachrechnen Gyllander für seine Idee einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum brauchte) bereits die MS Juno über den Götakanal, auf der der junge Martin Beck 1965 seinen ersten Fall löste.

Varg Gyllander, Tote reden nicht, btb, 380 S., 9,99€

VÖ: Mai 2012