Exotik ohne Kitsch aus Havanna von Leonardo Padura

31 Mai

Mario Conde kann den Frauen einfach nichts abschlagen. Deshalb zögert er nicht lange, als ihn seine verführerische Kollegin Patricia Chion bittet, in einem Mordfall zu helfen. So begibt er sich, obwohl er doch eigentlich Urlaub hat, in das Chinesenviertel in Havanna und beginnt mit den Ermittlungen. Es dauert nicht lange und der kubanische Polizist wird in einen Strudel aus archaischen Riten und Bräuchen, ganz weltlichen Verbrechen und persönlichen Verstrickungen gesogen. Wie überall im Ausland bilden die Chinesen eine eingeschworene Gemeinschaft, die zwar, ein toter Chinese belegt das eindrücklich, auch nicht immer fest zusammen halten, aber deshalb noch lange keinem Außenstehenden Einblick in ihre Angelegenheiten gewähren. Das macht die Ermittlungen natürlich mühsam, zumal sich Teniente leicht ablenken lässt, vom Alkohol, von Frauen natürlich, aber auch von allem anderen…

Sätze voller Wucht, ein Plot mit vielen Ablenkungen

„Der Schwanz der Schlange“ von Leonardo Padura ist ein eigentümlicher Krimi. Der Kubaner erzählt voller Wucht, mit Sätzen, die er aus einer eigenwilligen, aber kraftvollen Sprache bildet. Puristen unter den Krimilesern werden sich mit der prallen Aufarbeitung eines in das Jahr 1989 zurückverlegten Kriminalgeschichte schwer tun, weil Padura voller Ablenkungen und Anekdoten steckt, die er in seinem Roman unterbringt.

Wirklich spannend ist das nicht, aber ungemein aufregend, weil Padura seine Leser an  einer faszinierende, fremdartigen Welt teilhaben lässt, die von Chinesen in der kubanischen Diaspora, Abkömmlingen schwarzafrikanischer Sklaven, traditionsbewussten Kreolen und allerlei anderem bunt gemischtem Personal bevölkert wird. „Der Schwanz der Schlange“ bietet so einen Einblick in das sozialistische Kuba, den wohl die wenigsten europäischen Besucher erhascht haben dürften. Das, und der liebevoll erdachte Teniente Mario Conde, der bereits im weit gerühmten Krimizyklus des „Havanna-Quartetts“ aus den neunziger Jahren eingeführt wurde, tragen erheblich zum Lesevergnügen  bei. Tatsächlich hatte Padura die Geschichte bereits in jenen Jahren erdacht und dann über mehrere Jahre liegen gelassen. Jetzt hat er die Geschichte überarbeitet und veröffentlichen lassen. Obwohl seine Erzählung wegen der Entstehungsgeschichte ein wenig aus der Zeit gefallen scheint, funktioniert sie – und die historisch verpackte Systemkritik – bis heute sehr gut.

 

Tatort:Havanna

Es ist heiß in Havanna, unerträglich heiß. Es herrscht Gedränge, die Stadt ist schmutzig und eigentlich nur im betrunkenen Zustand zu ertragen. Dazu sucht der Protagonist Alkohol, auch der ist im sozialistischen Staat oft Mangelware. Teniente Conde sucht träumt daher von der perfekten Bar, eine Bar die er betritt und in der er vom Barkeeper, ohne groß bestellen zu müssen, mit den Worten „das Selbe wie immer“ gleich den perfekten Drink hingestellt bekommt. Diese Phantasie sagt eigentlich alles über das Havanna des Jahres 1989. Leonardo Padura findet immer die richtigen Worte, um seine Heimatstadt jenseits touristischer Vorzeigeprojekte zu beschreiben. Diese Ortskunde gehört neben dem handelnden Personal und den verrückten Ideen zu den Stärken von „Der Schwanz der Schlange“.

Leonardo Padura, Der Schwanz der Schlange, Unionsverlag, 187 S., 18,95€

VÖ: 2012