Andrea Fazioli schreibt im Plauderton über die finstersten Abgründe

4 Jun

Elia Contini weiß meist nicht genau, was er will – nur eines weiß er mit Gewissheit: Zu anstrengend darf es nicht werden. Kein Wunder also, dass er den Job als Privatdetektiv im Tessin aufgeben und sich bei einer Tageszeitung verdungen hat. Dort liest er Texte Korrektur, pflegt das Archiv, macht gelegentlich ein Foto und kommt eigentlich immer erst dann zur Arbeit, wenn das hektische Redaktionstreiben beendet ist.

Der Ärger – und immer neue Fälle – verfolgen Elia Contini

Aber irgendwie schafft es der brave Mann dennoch nie, dem Ärger dauerhaft aus dem Weg zu gehen. Als im Nachbardorf erst ein Arzt stirbt, dann dessen Frau ermordet wird und die Tochter verschwindet, ist es mit der Ruhe vorbei. Wie beiläufig stolpert Contini erst über die Ermittlungen und anschließend über die verschwundene Tochter, die das Verbrechen an der Mutter zwar beobachtet, darüber aber ihr Gedächtnis verloren hat. Nun kommt doch wieder der Ermittler in dem Tessiner durch und er versucht das Rätsel zu lösen und stößt auf Spuren, die auf die halbseidene Welt der Nachtclubs und Frauenhandel deuten. Natürlich legt sich der gewesene Privatdetektiv wieder mit allen Autoritäten, insbesondere den ermittelnden Polizisten, an und setzt sich bei allen möglichen Menschen vom Chef bis hin zur Freundin in die Nesseln.

Andra Fazioli gelingt ein pefekt-leichter Sommerkrimi

Andrea Fazioli hat einen neuen Tessin-Krimi geschrieben und schickt seinen Elia Contini in „das Verschwinden“ bereits zum dritten Mal durch die beschauliche Landschaft im Süden der Schweiz. Wie schon beim Vorgänger „Die letzte Nacht“ setzt der Schweizer auf eine besondere Leichtigkeit. Wie viele seiner italienischen Kollegen treibt er seinen Plot in einem plaudernden Tonfall voran, dessen elegante Nichtigkeit oft einen interessanten Kontrast mit den schrecklichen Verbrechen bildet, die er beschreibt. Das ist am Anfang etwas befremdlich, insgesamt aber höchst unterhaltsam. Die Beiläufigkeit, mit der Verbrechen und deren Aufklärung am Leser vorbeigleiten, entfaltet ein ganz eigenes, eigenwilliges Spannungsmoment, das unterhält, aber nie aufregt. Insofern stellt „Das Verschwinden“ die ideale Sommerlektüre für Urlaub oder Balkon dar.

 

Tatort:Tessin

Hohe Berge, dunkle Wälder, klare Seen, abgelegene Dörfer und liebliche Städte. Kann eine Region tatsächlich all dies bieten – und dazu noch gleichmäßiges, tiefdruckfolgenfreies Klima. Ja, sie kann, wenn man Andrea Fazioli folgt. Das Tessin in den Krimis des Schweizers entsteht als perfektes Idyll – und bildet gerade deshalb einen guten Kontrast zum finsteren Verbrechen, das der Autor dort in schöner Regelmäßigkeit in Szene setzt. Der Schweizer schafft es dabei, seiner Tessiner Heimat, die eigentliche Hauptdarstellerin der Krimi-Reihe, mit wenigen wohlgesetzten Passagen eine grundsätzliche Heiterkeit einzuhauchen, so als gebe es in der Region nur Sommertage, aber jene, die nicht drückend auf den Menschen lastet, sondern sie zu einer beschwingten Fröhlichkeit längst vergangener unbeschwerter Kindheitstage zurückversetzt, als das Bad im Bergsee und die Limonade im Biergarten die wichtigsten Höhepunkte im Leben waren. Das klingt beinahe schon unerträglich positiv, gerade für Krimi-Leser, entfaltet aber durch die Abgründe, die hinter der postkartenidyllischen Fassade lauern, seinen ganz besonderen Reiz.

Andrea Fazioli, Das Verschwinden, btb, 430 S., 9,99€<, VÖ: Mai 2012