George Pelecanos konstruiert einen spannenden Krimi um „Ein Schmutziges Geschäft“

9 Jun

Washington DC ist ein hartes Pflaster. Hier sitzt die Regierung der USA, hier treiben sich aber auch Drogendealer, Erpresser und Auftragsmörder herum – und noch ist nicht entschieden, wer dort mit härteren Bandagen kämpft. Irgendwo zwischendrin versucht Spero Lucas zurecht zu kommen. Der junge Mann arbeitet: Gelegentlich als Ermittler für einen Anwalt, häufiger jedoch auf eigene Rechnung. Dann beschafft er verlorene Gegenstände wieder.

Ein spannender Krimi um einen Anti-Helden

Sein aktueller Auftraggeber ist ein Drogenboss, der seine Geschäfte aus dem Gefängnis heraus leitet. Dem Mann wurden, offenbar entgleitet ihm die Kontrolle über seine Organisation, eine größere Lieferung Marihuana gestohlen. Lucas, bei einem Finderlohn von 40 Prozent nicht zimperlich, macht sich auf die Suche und stolpert in eine Mordserie. Der ehemalige Marine, der im Irak schon einiges gesehen hat, lässt sich davon nicht abschrecken und sucht weiter. Keine Frage, dass er so sehr schnell selber auf der Abschussliste landet.

Frisches Leben für den Detektivroman

George Pelecanos hat sich den neuen Ermittler in der US-Hauptstadt erdacht und mit „Ein schmutziges Geschäft“ dem Genre des Detektivromans frisches Leben eingehaucht. Vom Start weg beginnt die Geschichte mit hohem Tempo, interessanten Figuren und einer klaren, schnörkellosen Sprache. Wer den Krimi unreflektiert liest, wird sich an die Vorbilder aus den 30er du 40er Jahren erinnert fühlen, auch wenn der pessimistische Zynismus jener Jahre fehlt.

Der Krimi ist so gut konstruiert, dass der Leser, wenn er einmal eingetaucht ist, der Handlung gebannt folgt und eigentlich aus dem Lesefluss nicht mehr auftauchen will. Dieser Lesespaß hält, auch das ist nicht selbstverständlich, bis zum Ende an.

George Pelecanos schafft distanzlose Sympathie zu einem Mörder

Beim zweiten Blick auf das Buch stellt sich jedoch im Nachinein ein unangenehmer Beigeschmack ein. Pelecanos, der als Krimi-Autor bereits einen guten Ruf genießt und unter anderem Co-Autor der großartigen TV-Serie „The Wire“ ist, hat eigentlich einen Antihelden geschaffen, dem er dann doch mit distanzloser Sympathie folgt. Sein Spero Lucas ist ehemaliger Soldat, ein Marine, Elitekämpfer also noch dazu. Das, so scheint es, verhilft ihm in den USA zu eingebauter moralischer Überlegenheit. Soldaten haben automatisch einen besseren Charakter, größere Zuverlässigkeit, einen eingebauten Teamgeist und mehr menschliche Tiefe. So darf Spero Lucas – von weltlicher Justiz und inneren Konflikten unbehelligt – ungestraft töten, weil er ja „dort drüben schon so viel gesehen hat“. Das Marine-sein rechtfertigt in diesen Jahren zumindest beim Autoren, wahrscheinlicher aber in der gesamten US-amerikanischen öffentlichen Wahrnehmung beinahe jedes Verhalten, es gelten offenbar eigene Gesetze. Das löst zumindest leichtes Unbehagen beim europäischen Leser aus. Es ist vielleicht nicht so gemeint, fühlt sich aber sehr stark nach unreflektierter Verherrlichung des Militärs an. Das mindert im Nachhinein das Vergnügen an „Ein schmutziges Geschäft. Wer darüber hinwegsehen mag, wird sich dennoch großartig unterhalten fühlen.

 

Tatort:Washington

Spero Lucas treibt sich im Unterleib Washingtons herum, dem Teil der US-Hauptstadt in dem bis heute die Benachteiligten leben, die kleineren Bürger. Er beschreibt aber auch die Versuche, einst verslumte Gebiete zurückzuerobern, Stadtteile, in denen die Reviere der Gangs und eine aufstrebenden Mittelschicht aufeinanderprallen. In Pelecanos Washington ist auch die Rassentrennung noch lange nicht aufgehoben, noch immer gibt es beispielsweise „schwarze“ und weiße Schulen.

Dieser Blick auf die Hauptstadt jenseits vom Weißen Haus und Capitol ist zumindest interessant, meist sogar faszinierend, zumal Pelecanos, vermutlich selber griechischer Abstammung, seinen Protagonisten in das Umfeld dieser Einwanderergruppe gepflanzt hat und so die USA noch einmal als Schmelztiegel der Kulturen portraitiert.

George Pelecanos, Ein schmutziges Geschäft, Rowohlt, 383 S., 9,99€

VÖ: 1. Juni 2012