Massimo Carlottos „Tödlicher Staub“: Monument der Hoffnungslosigkeit?

13 Jun

In den Waffenarsenalen moderner Armeen lagern allerlei tödliche Geschosse. Ummantelungen mit Uran und allerlei anderem strahlenden oder sonst wie giftigen Materialien soll die Munition noch durchschlagkräftiger machen. Das gelingt, wie Fotos zerfetzter Panzer, Fahrzeuge und Gebäude von den Kriegsschauplätzen oft erschütternd belegen. Allerdings haben die Geschosse offenbar ungeahnte Nebenwirkungen. Bei den Explosionen wird demzufolge ein Giftcocktail aus tödlichen Stoffen frei, der sich in Form von Nanopartikeln im menschlichen Gewebe festsetzt und Soldaten, gleich ob Freund oder Feind, umbringt. Natürlich nicht direkt. Die „Infizierten“ sterben einen langsamen, quälenden Krebstod.

Rund um das Thema der giftigen Munition hat der Italiener Massimo Carlotto seinen Thriller „Tödlicher Staub“ angesiedelt. Angehörige des italienischen militärisch-industriellen Komplexes, die natürlich in mafiöse Strukturen verstrickt sind, kämpfen um die Ausbeutung eines Testgeländes auf Sardinien. Langfristige Verträge versprechen ein Vermögen abzuwerfen – zu Lasten von Mensch, Tier und Natur.

Ein Spitzel auf der Abschussliste

Bei Carlotto spielen diese grauen Eminenzen des schmutzigen Krieges nur eine Nebenrolle. Er nähert sich Kampf um Milliarden von ganz unten. Pierre Nazzari, der einst von der Armee desertierte und jetzt sein Leben als Spitzel korrupter Polizisten fristet, soll die junge Tierärztin Nina von Sardinien vertreiben. Die junge Frau betreibt Forschungen über Nanopartikel, genau in dem Gebiet, in dem künftig giftige Granaten explodieren sollen. Deshalb muss sie weg. Mit allen Mitteln. Nazarri „verbockt“ seinen Auftrag und gerät selber auf die Abschussliste.

Ein Auszug aus dem Tagebuch sardischer Vendetta

Massimo Carlotto hat einen harten Thriller erdacht. Da ist nichts vom netten Plauderton, der italienischen Krimis oft zu eigen ist. Auf Carlottos Sardinien wird skrupellos gedealt, erpresst, vergewaltigt und gemordet. Hoffnung auf Heilung gibt es keine. So ist „Tödlicher Staub“ auch kein Krimi im herkömmlichen Sinne, eher ein kurzes Kapitel aus einem Tagebuch sardischer Vendetta. Auflösung oder Katharsis? Fehlanzeige. Lediglich ein immer größer werdender Berg an Leichen begleitet den Leser, dem nur ein winziger Blick hinter die Fassaden italienischer Gesellschaft gewährt wird, so als würde für einen kurzen Moment ein Vorhang gehoben und der Blick frei auf grausige Szenen in einem Haus voller Massenmörder.

Der Verlag bezeichnet das als „wütenden Aufschrei“ gegen italienischen Verhältnisse, eigentlich ist es jedoch ein Monument der Hoffnungslosigkeit – und gerade deshalb so lesenswert.

 

Tatort:Sardinien

Wenn man den Beschreibungen Massimo Carlottos folgt, ist Sardinien ein unwirtlicher Ort, eigentlich nur ein sehr großer Haufen Steine, der sich in der Sonnenglut unerträglich aufheizt. An den Ufern dieser kargen Insel gibt es demzufolge Städte und Dörfer, die von Bars dominiert werden, in denen im besten Fall gesoffen, meist jedoch Drogen konsumiert werden. Die Gäste sind entweder Verbrecher, Prostituierte – oder mindestens korrupt. Vom internationalen Jetset, vom Sardinien der Touristen ist in „Tödlicher Staub“ nichts zu lesen. Selbst die Schäfer in den Bergen würden, wenn man Carlotto glauben schenken darf,  ihre Herde für ein paar Euro skrupellos abschlachten. All diese Beschreibungen, die der Italiener perfekt in Szene setzt sind einseitig, gemein und aus dramaturgischen Gründen überspitzt – aber wie das immer ist: Ein Funke Wahrheit wird ihnen schon Inne wohnen.

Massimo Carlotto: Tödlicher Staub, Tropen, 159 S., 14,95€

VÖ:  23. Mai 2012