„Schrei unter Wasser“ folgt haargenau der Bauanleitung für Psychologen-Krimis

25 Jun

Junge Psychologin mit tragischer Vergangenheit heuert bei der Polizei an, stößt auf Widerstand engstirniger, älterer männlicher Kollegen, baut zwischenzeitlich Mist, gerät in Gefahr und löst wider Erwarten doch den Fall. Dieses Szenario hat man im Kriminalroman gefühlte tausend Mal gelesen. Jeder Krimi, der dieses Thema verwendet, steht also unter dem Verdacht, besonders langweilig zu sein.

Eine neue Ermittlerin im gebrauchten Kleid

Zwei Dänen haben jetzt dieses Szenario wieder hervorgeholt. Jeannette Øbro und Ole Tornbjerg haben „Schrei unter Wasser“ geschrieben und sich ohne Hemmungen haargenau an die „Bauanleitung“ für den Psychologen-Thriller gehalten. Das Überraschende dabei: Es funktioniert. Das Autorenpaar hat ihrer Hauptfigur, einer jungen Dänin mit britischem Vater, gekonnt soviel Leben eingehaucht, dass der Leser trotz des Dejá Vu der Handlung mit viel Vergnügen folgt: Die Profilerin Katrine Wraa ist eine höchst sympathische, extrem glaubwürdige Protagonistin. Dazu haben die Autoren der Polizisten einen passenden Co-Ermittler an die Seite gestellt, dessen Aufmerksamkeit vom Fall allzu oft von seiner pubertierenden Tochter abgelenkt wird.

Ein guter Krimi für den dunklen Herbstabend

Das Duo wird gleich am ersten Arbeitstag der jungen Psychologin zum Haus eines Arztes gerufen, der ermordet und schneebedeckt im eigenen Garten liegt. Es folgt eine, nach heutigen Krimimaßstäben unspektakuläre Suche nach dem Täter. Zu den Schwächen von „Schrei unter Wasser“ gehört neben dem allzu bekannten Grundthema ein Plot, der vergleichsweise gradlinig verläuft. Ohne große Überraschungen – und für regelmäßige Krimileser – schnell vorhersehbar, kristallisieren sich Täter und Motiv heraus.

Wer innovative und gleichermaßen innovative Kriminalliteratur such, ist beim Autoren-Duo Øbro und Tornbjerg falsch. Dennoch reiht sich das Debüt gut in die skandinavische Krimitradition ein, die mit ihren ausgefeilten Charakterstudien häufig eher komplexen Familiendramen als Thrillern gleichen. „Schrei unter Wasser“ ist ein gelungenes Exemplar dieses nordischen Subgenres und nur, wenn man so will, zum falschen Zeitpunkt erschienen. Eigentlich ist die dänische Neuheit ein Stoff für den dunklen Herbstabend, an dem man sich auf dem heimischen Sofa sitzend mit einem guten Buch und wohl dosiertem Nervenkitzel sinkende Temperaturen und schwindendes Tageslicht vom Hals halten will.

 

Tatort:Kopenhagen

Es ist dunkel, es ist kalt. Der dänische Winter beißt offenbar gnadenlos zu. Diese Stimmung transportieren Jeanette Øbro und Ole Tornbjerg. Die Einsamkeit des abgelegenen Ferienhäuschens, dass die Neu-Kopenhagenerin vor den Toren der Stadt bezieht kommt in den Schilderungen gut zur Geltung, auch wenn der sommerurlaubende Dänemark-Urlauber sich die wüstenartige Abgeschiedenheit auf Seeland kaum vorzustellen vermag. In ihrem Erstling bewegen sich die Autoren ohnehin eher rund um Kopenhagen herum. Konturen erhalten erwähntes Ferienhäuschen und die vornehmeren Vorortsiedlungen, in denen Ärzte eben so leben. Das Zentrum Kopenhagens bleibt blass, man ahnt die Konturen der Stadt rund um Polizeizentrale und Krankenhaus eher, beschrieben werden sie nicht. Das ist kein Mangel, lediglich eine Feststellung, aber ohnehin sind bei „Schrei unter Wasser“ die Binnenwelten der Protagonisten wichtiger als der reale Schauplatz.

Jeanette Øbro /Ole Tornbjerg, Schrei unter Wasser, Fischer, 445 S., 9,99€