Colin Cotterils neuer Krimi ist ein reichlich durchgeknallter Stoff

3 Jul

In Laos sind die Mörder nicht sehr zimperlich. Sie verstecken Handgranaten in Leichen, vergiften Cashew-Kekse und lassen sich auch sonst allerlei Gemeines einfallen, um andere Menschen aus dem Leben zu befördern. Die meisten dieser Anschläge gelten dem einzigen Leichenbeschauer des Landes, Dr. Siri, und seinem Team. Da der Herr der Pathologie von Vietnante auf Reisen ist, müssen sich seine Assistenten und Freunde der feigen Mordanschläge erwehren.

Der greise Pathologe selber wird nach der Reise zu einem Parteikongress von Angehörigen des Hmong-Volksstammes entführt, die dringend eines Schamanen zur Austreibung von Dämonen beziehungsweise zur Rettung von Seelen bedürfen. Da Dr. Siri vielseitig begabt ist, hilft er als Geistheiler wider Willen auch hier.

Schräge Zeitreise ins kommunistische Laos

Colin Cotterill hat mittlerweile bereits das fünfte Abenteuer um den wackeren Pathologen erdacht, der sich im kommunistischen Laos der 70er Jahre linientreuer Funktionäre und ruchloser Verbrecher erwehren muss – es ist bislang nicht ausgemacht, welche von beiden die schwärzere Seelen haben.

„Die Tote im Eisfach“ heißt der neueste Band des Briten und ist, kurz gesagt, eine reichlich durchgeknallte Angelegenheit. Die Geschichte schwankt zwischen liebevoll drolliger Posse in einem kommunistischen Albtraum und psychedelischem Ausflug eines Teilzeit-Schamanen in andere Bewusstseinsebenen. Cotterill denkt sich in beiden Teilen jedenfalls immer wieder außerordentlich unterhaltsame Details aus, so dass es sich bei den Dr.-Siri-Krimis im Grunde mehr um fröhliche Satiren als um ernsthafte Kriminalromane handelt.

Ein lohnenswerter Sommerkrimi

Ihre Wucht verliert „Die Tote im Eisfach“ ein wenig dadurch, dass die antikommunistische Streitschrift von einem Briten sozusagen aus sicherer Distanz geschrieben wurde, sowohl örtlich, zeitlich als auch von den Lebensumständen. Auch wenn Colin Cotterill sich die Welt angeschaut und eine Weile in Laos gelebt hat, blickt der gebürtige Londoner doch mit dem Auge Wohlstandseuropäers auf die Welt. Das nimmt seiner grundsätzlich erheiternden Kritik einiges an Origianlität. Dennoch ist auch dieser von Thomas Mohr übersetzte Roman um Dr. Siri eine gute, sogar lohnenswerte Lektüre, vielleicht der richtige Last-Minute-Krimi für den Sommerurlaub, für Leser, die etwas Leichteres suchen, sich ihren Strandurlaub nicht mit allzu schwerer Kost belasten wollen

 

Tatort:Laos

Zu den stärksten Momenten der „Toten im Eisfach“ gehören die Schilderungen rund um den Volksstamm der Hmong, einem Bergvolk, dass von den kommunistischen Herren, aber auch von den wechselnden Herrschern zuvor, permanent schikaniert und verfolgt wird. Colin Cotterill hat sichtlich ein Herz für diese Nomaden zwischen allen Systemen, So geht er ausführlich auf deren Lebensweise, ihr Kultur und ihre spirituelle Welt ein. Natürlich hält der Brite bei aller Zuneigung die ironische britische Distanz, so dass jegliche Kitsch-Gefahr ausbleibt. Durch diese Beschreibungen, den Tatort im fernen Laos und der Rückblick in de Hochzeit des Kalten Krieges gerät der überaus unterhaltsame (und auch so gemeinte) Krimi unversehens zum Bildungsroman über eine beinahe vergessene Welt.

Colin Cotterill, Der Tote im Eisfach, Manhatten, 284 S., 19,99€

 VÖ: Juni 2012