Ein spannendes Krimi-Debüt um einen Serienmörder im Kölner „Blutsommer“

8 Jul

Martin Abel ist ein Ekel. Der Polizist verzweifelt an sich, an seinem Leben und an seiner Arbeit, und das bekommt sein Umfeld zu spüren. Großzügig lässt er seinen Chef, seine Kollegen, aber auch wildfremde Menschen an seiner schlechten Laune teilhaben. Kein Wunder, dass sich seine Begeisterung in Grenzen hält, als ihm sein Chef, der Leiter des Stuttgarter LKA, nicht nur mitteilt, dass er seinen fähigsten Operativen Fallermittler – wie Profiler in schönsten Beamtendeutsch in Baden-Württemberg genannt werden – an die Kollegen in Köln ausgeliehen hat, sondern ihm überdies noch eine junge Kollegin an die Seite stellt, die der Eigenbrötler ausbilden soll.

Ein „Metzger“ zieht eine blutige Spur durch Köln

Natürlich macht es Martin Abel sich zunächst einfach – und spricht nicht mit seiner jungen Kollegin Hannah Christ, mit der er sein Wissen teilen soll. Spätestens jedoch als sich die beiden Polizisten mit ihren Aufgaben in Köln vertraut machen, merkt auch Abel, dass er zur Zusammenarbeit verdammt ist: Ein Serienmörder schlägt in Köln eine blutige Schneise: Der zunächst „Metzger“ genannte Täter verschleppt scheinbar wahllos seine Opfer. Die Obduktion der Leichen ergibt, dass der Mörder seine Opfer über Tage lang hinweg quält, ihnen bei lebendigem Leibe Körperteile abschneidet und Organe entnimmt.

Eine gruselige Atmosphäre in „Blutsommer“

Erst als Abel sich in die Ermittlungen einschaltet, kommen die Polizisten voran – eben weil der Süddeutsche, so will es Rainer Löffler, der sich den Kommissar für sein Krimi-Debüt „Blutsommer“ erdacht hat, der Beamte in Deutschland ist, der sich am besten in Serienmörder hereinversetzen – und damit ein fahndbares Profil erstellen kann.

„Blutsommer“ ist eher härtere Krimikost, wie der Titel schon ahnen lässt. Leichenteile und eine dicke Blutsuppe ziehen eine deutliche Spur durch Köln und den Kriminalroman. Rainer Löffler bewegt sich, zahlreiche Irrwege einbauend, souverän durch sein selbstgeschaffenes Labyrinth und schafft eine gruselige, dichte Atmosphäre im Kölner Glutsommer, der nicht nur die Figuren im Krimi sondern auch seinen Lesern ins Schwitzen bringt.

Ein interessanter Ermittler, der am Leben leidet

Zu den Stärken von „Blutsommer“ gehört in jedem Fall die Figur des Fallermittlers, den Rainer Löffler ins Zentrum stellt. Den miesepetrigen, gelegentlich beinahe schon bösartig schlecht gelaunten Kommissar, eine in der Kriminalliteratur vertraute Figur, hat er sich gut noch einmal neu erdacht und glaubhaft beschrieben – vermutlich auch, weil er ihm interessante menschliche Züge verleiht. Bei den Beschreibungen liegen jedoch zugleich auch die kleineren Schwächen des Kriminalromans: In klassisch deutscher Genauigkeit verliert sich Löffler gelegentlich im Detail, ob er nun einen Spiegelschrank, Leichenteile oder Seelenzustände aufzeichnet: In seiner Gründlichkeit verirrt sich Löffler gelegentlich: Hat seine Hannah Christ nun ein katzenhaftes Antlitz, oder doch eine extrem menschliche Ausstrahlung, mit glühwürmchen-warmen Augen? Beides geht gleichzeitig geht ja eigentlich nicht. Außerdem mutet der Autor seinen Lesern gelegentlich zuviel zu – und lässt eigentlich zu wenig Geheimnisse für die angekündigte Serie um Martin Abel übrig. Insgesamt jedoch ist „Blutsommer“ spannend genug, dass man sich gerne auf eine Fortsetzung einlassen möchte, um dann zu sehen, mit welchen neuen Ideen der Autor aufwarten kann.

 

Tatort:Köln

Rainer Löffler legt viel Wert auf seine Tatorte, allerdings sind das, wenn man so will, eher die Mikro-Tatorte. Er beschreibt akribisch Häuser und Wohnungen von Opfern, Verdächtigen und Zeugen, um über den Umweg des Spiegelschrankes im Badezimmer das Bild einer Persönlichkeit zu zeichnen. Auch, wenn er es dabei gelegentlich übertreibt, schafft Löffler damit eine eigene, nachvollziehbare Welt, so dass der Leser das Köln des „Blutsommers“ nachvollziehen kann, auch wenn die eigentliche Stadtbeschreibung eher blass bleibt. Dass die beiden süddeutschen Kommissare irgendwann beispielsweise weitgehend zusammenhanglos vor dem Kölner Dom stehen, hat sich der Autor vermutlich vom Fernsehtatort abgeschaut. Die Fernsehkommissare passieren dort auch beinahe in jeder Folge unmotiviert irgendeine Sehenswürdigkeit, die vermutlich Lokalkolorit in eine ansonsten sterile Städtezeichnung bringen soll. Bei Löffler sind das aber angesichts sonst überwiegend treffender Tatortskizzen, kleinere Schönheitsfehler.

Rainer Löffler, Blutsommer, Rowohlt, 494 S., 9,99€

VÖ: Juni 2012