Peter Abrahams schreibt einen Thriller um Wahn und Wirklichkeit

22 Jul

Ein Schneidbrenner ist sein Pinsel, Altmetall ersetzt die Farbe, der Himmel die Leinwand. Roy Valois ist Künstler, Bildhauer hätte man früher gesagt. Er schafft aus alten Autoteilen und anderem Schrott Kunst. Das wird überdurchschnittlich gut bezahlt. Roi Valois hat also eigentlich kein Grund zur Klage – bis zu dem Tag, an dem er erfährt, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist.

Ein Scherz mit Folgen in „Verblendet“

Ein Scherz seiner Kumpel, mit denen er nach Feierabend Eishockey spielt, löst eine dominostein-artige Kettenreaktion aus: Wegen des Scherzes lässt er sich dazu hinreißen, einen jungen Hacker zu bitten, seinem Nachruf, den die New York Times vorbereitet hat, hinterher zu spionieren. Der junge Mann ist erfolgreich, und Roy erfährt nichts über den Scherz (es ging um ein Eishockey), aber Ungereimtheiten zum Tode seiner Frau, die angeblich vor 14 Jahren bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben kam.

Eine Verschwörung im Fieberwahn

Valois, der durch eine experimentelle Therapie gegen seine Krebserkrankung immer wieder zwischen Wirklichkeit und Traumwelt pendelt, begegnet immer neuen Widersprüchlichkeiten und Merkwürdigkeiten. Er gibt bei der Suche nach den Fakten nicht auf, und plötzlich türmen sich die Leichen in seinem Weg zu einem immer größer werdenden Haufen. Irgendjemand versucht, die Vergangenheit zu vertuschen – und in allem Fieberwahn erkennt der Bildhauer zunächst vage, dann immer deutlicher eine umfangreiche Verschwörung.

Peter Abrahams erzählt gradlinig

Peter Abrahams hat sich  „Verblendet“ erdacht und eine spannende Thriller-Idee um Wahn und Wirklichkeit aufgeschrieben. Der US-Amerikaner, mit bislang 16 veröffentlichten Trillern ein Routinier im Geschäft, hat keinen Krimi im eigentlichen Sinne konstruiert, sein Roy Valois ermittelt nicht, er stolpert vom Medikamentencocktail seiner Ärzte geschwächt, eher von Fakt zu Fakt, von Zeuge zu Zeuge. Das Umherirren, die Vermutung, dass die eigene Geschichte eine lange Kette von Lügen sein könnte, macht den Reiz des gradlinig, mit eher einfachen Mitteln aufgeschriebenen Thrillers aus. Abrahams kann oder will sich nicht mit kunstvollen Formulierungen oder tiefgründigen, intelligenten Charakterisierungen aufhalten. Seine gelegentlich grob zurechtgezimmerten bis eindimensionalen Figuren, sein Szenario dienen allein dazu, einen spannenden Plot voranzutreiben. Das gelingt ihnen, insofern ist „Verblendet“ keine tiefgründige, aber gelungene Unterhaltung.

 

Tatort: Vermont

Die Hauptfigur, der Bildhauer Roy Valois, lebt in einem alten Bauernhof im abgelegenen Vermont. Dort schweißt er seine Kunstwerke zurecht, dort beginnt vor dem Panorama abgelegener Bergwelten das Drama. Peter Abrahams verwendet nicht viel Mühe darauf, seinen Tatort zu zeichnen, aber mit sparsamen Mitteln konstruiert er die dörfliche Welt des ländlichen Amerika mitten in der Natur, mitsamt der familiären Nähe. Darüber hinaus gönnt der US-Amerikaner seinem Hauptdarsteller einen ausgiebigen Road-Trip durch die USA. Cap Cod, Washington und Texas sind nur einige der Orte, die Roy Valois auf seiner mühsamen Suche nach der Wahrheit bereist. Auch bei den Schauplätzen ordnet sich also alles dem Plot unter.

Peter Abrahams, Verblendet, Knaur, 411 S., 9,99€

VÖ: Juli 2012