Franck Thilliez beschäftigt sich mit der Manipulation des Geistes

25 Jul

Lucie Hennebelle bekommt einen verstörenden Anruf. Ein entfernter Bekannter hat einen sehr alten Film gesehen und ist ob der quälenden Bilder erblindet. Die Polizistin aus Lille kommt dem Mann zu Hilfe und beginnt zu ermitteln. Franck Sharko, Spezialist bei einer Sondereinheit in Paris, wird zu einem besonders gruseligen Tatort gerufen. Gleich ein halbes Dutzend Leichen mit grausamen Verstümmelungen und aufgesägten Schädeln werden verscharrt aufgefunden. Sharko schaut sich um. Es dauert nicht lange und die Wege der Polizistin aus der Provinz und des Großstadtbullen kreuzen sich. Gemeinsam kommen sie einer groß angelegten, weit in die Geschichte zurück reichende Verschwörung auf die Spur.

Grausige Experimente um geheime Botschaften

Franck Thilliez, der sich „Öffne die Augen“ erdacht hat, greift bei seinem Thriller tief in die Kiste gruseliger wissenschaftlicher Erkenntnisse und verbindet Tatsachen und Vermutungen zu einem ganz eigenen Stoff. Der Franzose beschäftigt sich dabei mit der Überlistung des menschlichen Auges und der Manipulation des Geistes. Für das Auge nicht sichtbare Bilder, sei es, weil sie nur Sekundenbruchteile zu sehen sind, sei es, weil sie im Hauptbild verborgen sind übermitteln laut Thilliezs Recherchen dabei geheime Botschaften. Eine Technik, die – so Thilliez – in Werbung und Wahlkampf seit Jahrzehnten üblich ist, in seinem Fall aber für grausige Experimente verwendet wurde.

Franck Thilliez zieht eine blutige Spur durch „Öffne die Augen“

„Öffne die Augen“ ist so in doppelter Hinsicht kein einfacher Stoff. Der Autor bringt auf dem Seiten jede Menge wissenschaftliche (oder zumindest pseudowissenschaftliche) Erklärungen unter und er setzt auf düstere Effekte. Es zieht sich eine Spur von Sadismus und Gewalt durch den Krimi. Zwar spendiert er beiden Kommissaren, wie mittlerweile branchenüblich, ein üppiges Privatleben, aber von heiler Welt kann in beiden Fällen keine Rede sein. Eher schon ist von grenzwertigen psychologischen Profilen auszugehen. Lucie Hennebelle hat zwei Töchter, keinen Mann, aber eine dominante Mutter. Eines der beiden Kinder ringt zudem mit dem Tod. Die Tochter Sharkos ist bereits tot, aber sie verfolgt den Kommissar durch den Alltag und ist beinahe seine wichtigste, zumindest unentrinnbarste Gesprächspartnerin. Trotz ihrer Deformationen wirken die Polizisten, wenn nicht immer sympathisch, so doch glaubwürdig. Und das hilft ja immer bei der Krimi-Lektüre.

Ein solider Thriller um eine Verschwörungstheorie

Franck Thilliez hat einen nicht immer einfachen, aber meist interessanten Thriller geschrieben, der, das scheint bei seinen Landsleuten beliebtes Motiv, thematisch das ganz große Rad dreht. Wer also weitreichende, mit wissenschaftlich klingenden Erläuterungen glaubwürdig konstruierte Verschwörungstheorien, deren Aufklärung die Ermittler über mehrere Kontinente führt, mag, der ist mit „Öffne die Augen“ bestens bedient. Etwas ärgerlich ist allerdings eine handwerkliche Panne, für die der Autor nichts kann. Die deutschen Übersetzer, beziehungsweise vermutlich die Strategen aus der Marketingabteilung, haben der Kommissarin unterschiedliche Namen gegeben: Im Text heißt die Dame konsequent Lucie Hennebelle, im Klappentext hartnäckig Lucie Hennebert. Das ist natürlich nebensächlich, wirkt aber latent lieblos.

 

Tatort:Frankreich

Einen konkreten Tatort gibt es bei Franck Thilliez nicht. Seine Verbrechen passieren unter anderem in Lille, Notre-Dame-de-Gravenchon, in Belgien, Kairo und Kanada. Thilliezs Kosmos ist also der Globus, entsprechend sparsam fallen also die Beschreibungen der Tatorte aus, das ist bei einem „globalen“ Thriller kein Mangel, nur für Freunde ausgefeilter Orts-Nachempfindungen wird es schwierig. Dennoch hat der Franzose die Atmosphäre seiner Schauplätze gut eingefangen, das gilt insbesondere für den ägyptischen Moloch Kairo, aber auch für die abgelegene Hütte in der kanadischen Provinz.

Franck Thilliez, Öffne die Augen, Goldmann, 478 S., 17,99€

VÖ: 9. Juli 2012