Antti Tuomainens „Heiler“: Krimi und Weltuntergangszenario

12 Aug

Es gibt Bücher, die sind kunstvoll konstruiert und bis oben hin vollgepackt mit Einfällen. Antti Tuomainen kommt mit einer einzigen guten Idee aus. Der Finne lässt kurzerhand Europa absaufen. In einer nicht allzu fernen Zukunft hat die Menschheit ihren Planeten soweit ruiniert, dass weite Teile unbewohnbar wurden, Mitteleuropa beispielsweise ist weg. Von weither kommen daher Flüchtlinge nach Finnland. Nicht, dass es dort besonders gemütlich wäre: Es ist kalt, windig und regnet beinahe ununterbrochen. Das ist nicht das Schlimmste: Soziale Sicherungssysteme und staatliche Ordnung sind beinahe vollständig zusammengebrochen. Wer kann, flieht ins ferne Norwegen. Doch diese letzte Refugium im Chaos ist für die meisten Menschen nur ein Traum, eine vage Hoffnung auf Überleben, die allzu oft jäh zerplatzt

Ein Lyriker mit pragmatischen Neigungen

In diesem Weltuntergangsszenario stemmt sich die Journalistin Johanna gegen das Unrecht und hängt sich an die Spur eines Massenmörders, der scheinbar wahllos Menschen umbringt – und sich doch „Der Heiler“ nennt. Tuomainens gleichnamiger Krimi setzt ein, als die Journalistin verschwindet. Ihr Mann Tapani, ein mäßig erfolgreicher Lyriker, sitzt nur kurz herum und wartet. Schnell macht sich der Dichter, der einen berufsuntypischen Hang zum Pragmatismus besitzt, auf die Suche nach seiner Frau. Dass er dabei weder von der Polizei noch den ehemaligen Kollegen seiner Angetrauten besonders viel Unterstützung erfährt, spornt ihn nur zu noch größeren Anstrengungen an.

Antti Tuomainen macht die Kulisse zur Hauptdarstellerin

Als Krimi ist „der Heiler“ ganz ordentlich, seinen wirklichen Reiz erhält er durch das düster ausgemalte Weltuntergangsszenario. Die Gründe für den großen Regen werden in einigen dürren Sätzen, ohne große politische oder globalgesellschaftliche Analysen, abgehandelt.  Tuomainens Buch gehört in die seltene Kategorie von Geschichten, bei der die Kulisse sich zur Hauptdarstellerin entwickelt, die wegen einer guten Idee einen ganzen Roman trägt. Das ist interessant, weil es auch ohne Agitation politisch ist und das ist schön, weil es in der Krimilandschaft mal ein wenig Abwechslung bietet.

 

Tatort: Helsinki

Heruntergekommen Wohnblocks mit morschen Dächern und Wänden, illegale Siedlungen in halb untergegangenen Vororten ohne Strom und Wasser, die durch Hunderte von Lagerfeuern erhellt werden stehen im krassen Gegensatz zu einigen wenigen umzäunten und streng bewachten Luxussiedlungen der Reichen, die auch am Weltuntergang noch verdienen. So unheimlich beschreibt Anti Tuomainen das zukünftige Helsinki wie jeder gute Schwarzmaler lässt er nicht nur ganze Länder sondern auch ganze Stadtteile seiner Heimat mit nur einem Nebensatz untergehen.  In diesem apokalyptischen Stadtbild sind nur wenige Punkte der heutigen finnischen Hauptstadt wiederzuerkennen.

Antti Tuomainen, Der Heiler, List, 217, S., 14,99€

VÖ: 10. August 2012