Hjorth/Rosenfeldts Glücksgriff mit einem Unsympathen

21 Aug

Es ist nicht leicht, Sebastian Bergman zu mögen. Er lässt Kollegen und Freunde auflaufen, benutzt – so muss man das sagen –  Frauen allein zur Befriedigung eines beinahe schon krankhaften Sexualtriebs und verfolgt seit Neuestem wie ein Stalker seine Tochter, von deren Existenz er erst seit kurzem weiß. Sebastian Bergman ist gestört. Das erfuhr man schon im ersten Band der neuen Krimi-Serie der beiden Schweden Michael Hjorth und Hans Rosenfeld. War Bergmann im ersten Band „Der Mann, der kein Mörder war“ noch analysierender Beobachter einer brutalen Mordserie, gerät er im neuen Band „Die Frauen, die er kannte“ zunehmend selber in den Mittelpunkt des Geschehens.

Jagd nach einem unwahrscheinlichen Täter

In Stockholm werden Frauenleichen gefunden, immer mehr, immer gleich inszeniert: Angezogen mit einem altbackenen blauen Nachthemd, vergewaltigt, misshandelt und ermordet. Die Details der Taten deuten auf einen alten Bekannten hin. Edward Hinde, Massenmörder und Psychopath, den Sebastian Bergman einst überführte. Jener Fall war es, der einst den Ruf als genialer Profiler, den der Psychologe so gründlich wieder zu zerstören versucht, begründete. Es gibt da nur ein kleines Problem. Hinde sitzt unverändert im Gefängnis und hat unter verschärften Haftbedingungen eigentlich noch nicht einmal Kontakt zur Außenwelt. Und doch muss Hinde oder ein „Vertrauter“ die Morde begangen haben. Die Ermittlergruppe um Torkel Höglund steht vor einem schier unentwirrbaren Rätsel. Erst als sich Bergman, der zu zu allem Überfluss mit dem letzten Todesopfer kurz vor deren Ermordung im Bett gelandet war, den Weg zurück in das Ermittlerteam erschleicht, gelingen den Polizisten erste Fortschritte. Jedoch wird bald klar: Die Frauen, die ermordet wurden, sind gar nicht das eigentliche Ziel des Mörders.

Hjorth/Rosenfeld und ihr unsympathischer Sebastian Bergman

Dem schwedischen Autorenduo Hjorth/Rosenfeldt ist das Kunststück gelungen, eine Hauptfigur zu schaffen, die bei allem Verständnis für die Härten, die die Autoren in die Biographie gepackt haben, durch und durch unsympathisch erscheint, gelegentlich Mitleid weckt und als „Gesamtkunstwerk“ zu fesseln vermag. Die Serie um Sebastian Bergman und die Polizisten aus Torkel Höglunds Team funktioniert auch deshalb so gut, weil die Autoren ihren Figuren so dicht auf die Pelle rücken, auf jeweils rund 700 Seiten werden so nicht nur Fälle gelöst sondern sämtliche Untiefen in den Seelen der Protagonisten ausgelotet. Die Figuren wirken innerhalb ihrer Fiktion absolut glaubwürdig. So zum beispiel, der junge Polizist, den die neue Freundin zum Karrieredenken manipuliert. Von der ehrgeizigen Geliebten getrieben, vergisst der junge Mann beinahe sämtliche Solidarität, ein Vorgang, den vermutlich jeder schon beobachten durfte.  Das Ergebnis der Figurenzeichnung stimmt: Man folgt dem Schicksal der Ermittler begeistert.

Eine perfekte Fortsetzung

„Die Frauen, die er kannte“ ist wie der erste Band Krimi-Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau. All diejenigen, die Krimis aus Schweden und die dazugehörige komplexe Psychologisierung mögen, und Sebastian Bergman noch nicht kennen, sollten das schleunigst nachholen, denn in ihrem Subgenre der Kriminalliteratur stellen Hjorth/Rosenfeldt das Beste bereit, was derzeit auf dem Markt ist. Neue Freunde des ungewöhnlichen Ermittlerteams haben den Vorteil, dass sie sich gleich durch zwei Bände „durcharbeiten“ können. Und ohne zuviel vorwegzunehmen: Ein dritter Band wird inhaltlich bereits angedeutet. Wer zudemBestsellerlisten als Qualitätsmerkmal hinzuziehen will, könnte nachlesen, dass der erste Band lange in den Top 20 stand und der neue Band in der zweiten Woche nach dem Erscheinen bereits Platz fünf erreicht hat.

 

Tatort:Stockholm

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt zeichnen ausgiebige Landschaften der Seele, für Ortsbeschreibungen bleibt da wenig Raum. Natürlich nähern die beiden Schweden sich ihren Tatorten, über die Mikroschauplätze kleinbürgerlicher Einfamilienhaussiedlungen oder innerstädtischer Wohnungen erschließt sich über den Umweg Stockholm. Über die Stadt, ihre Architektur und ihre Probleme erfährt der Leser jedoch so gut wie nichts. Das ist kein Mangel, lediglich eine Feststellung. Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt haben ein anderes Thema und das bearbeiten sie auf höchsten Niveau.

Michael Hjorth, Hans Rosenfeldt, Die Frauen, die er kannte, Rowohlt/Polaris, 736 S., 14,95€

VÖ: 1. August 2012
Die Frauen, die er kannte: Ein Fall für Sebastian Bergman