Jacques Berndorf: Beamtenseelen als Topspione des BND

9 Sep

Die wenigsten Menschen haben in ihrem Leben wohl mit Geheimagenten zu tun – und selbst wenn, wissen sie es vermutlich in den seltensten Fällen. Das macht es natürlich besonders schwer, zu erraten, wie Spione so sind: Bei der Arbeit, aber auch Privat, im Kino, beim Brötchenholen oder beim Ehestreit. Wenn man Jacques Berndorf folgt, zeichnet sich der deutsche James Bond durch eine gewisse rheinländische Behäbigkeit aus. Der BND ist, wenn man dem gebürtigen Duisburger glauben darf, ein Beamtenladen, der aus jeder Pore den Mief bundesrepublikanischer Siebziger Jahre strömt. Die Figuren heißen Karl Müller, einfach nur Krause oder auch „Goldhändchen“. Namen von Charakteren, die einer vergangenen Zeit anzugehören scheinen und die auch genau so reden.

Die Figuren passen zum jedoch Autoren. Jacques Berndorf ist das Pseudonym von Michael Preute, Jahrgang 1936, der einst für renommierte Magazine schrieb und sich mittlerweile als Krimi-Schriftsteller einen Namen gemacht hat.

Ein Universum voller Kunstfiguren bei Jacques Berndorf

Als Jacques Berndorf hat Preute Kunstfiguren erdacht, die man sich so im wirklichen Leben nicht vorzustellen vermag. Dass laut Klappentext Preute der erste Journalist war, der innerhalb des BND recherchieren durfte, hinterlässt angesichts seines Krimis „Die Grenzgängerin“ eher zwiespältige Gefühle, da seine Figuren irgendwo zwischen Superfähigkeiten, Spießertum und demokratischer Erdung im literarischen All kreisen.

Kampf gegen Psychopathen und die Buchhaltung

Bei aller bei aller Merkwürdigkeit des Personals, das in sich jedoch stimmig erscheint, ist Jacques Berndorfein überaus spannender und gelungener Spionagethriller gelungen. In einer Art Doppelhandlung haben sich die Protagonisten zunächst mit den Wirren des libyischen Bürgerkrieges auseinanderzusetzen, um alsbald eine durchgeknallte Deutsche daran zu hindern, mit eine Lastwagen vollgestopft mit Sprengstoff ein zunächst unbekanntes Ziel in Deutschland in die Luft zu jagen. Die größte Bedrohung jedoch, so scheint es, geht für die Spezialisten, die sich mit Psychopathen, Mördern und korrupten Militärs auseinander setzen müssen, von der heimischen Buchhaltung und der Rechtsabteilung aus. Die Beschreibugen der Kunst der Intrige, die Beamtenseele im semipolitischen Apparat mit einer gewissen Lust zu pflegen scheinen, gehört zu den unterhaltsamen Aspekten der „Grenzängerin“, dem mittlerweile dritten Band um den deutschen Spion Karl Müller.

Auch wenn die „Grenzgängerin“ gelegentlich etwas verstaubt wirkt, ist der zur entspannten Lektüre zur empfehlen. Berndorf unterhält gut und das ist die Kernaufgabe eines Kriminalromans.

 

Tatort:Libyen

Krimis im Spionagemilieu haben meist die Welt als Spielfeld. Einen besonderen Tatort herauszuheben, ist meist kaum möglich. Jacques Berndorf hat sich als einen seiner Spielorte das Libyen der noch gar nicht so lange vergangenen (und eigentlich noch nicht beendeten) Revolutionswirren, die zum Sturz Gaddafis führten, ausgesucht. Das Chaos eines Landes ohne Regierung ersteht mit einigen wenigen Sätzen zum Leben, die Schilderung der leerstehenden Villen der einstmals Mächtigen und Reichen des Landes zeigt – ob nun erlebt oder erdacht – die harten Folgen eines Bürgerkrieges und darüber hinaus, welche Ungerechtigkeiten die Auseinandersetzungen überhaupt erst auslösten. Insofern hat die „Grenzgängerin“ bei der Auswahl des Tatortes eine interessante und intelligente politische Komponente.

Jacques Berndorf, Die Grenzgängerin, Heyne, 400 S., 19,99€