Andreas Winkelmann erschreckt seine Leser mit dem Wassermann

15 Sep

Der Wassermann tötet auf perfide Weise. In einem grausamen Spiel zieht er seine Opfer, junge Frauen, unter Wasser, sorgt dafür, dass sie in einem minutenlangen Kampf ertrinken. Nach seinen Taten informiert er Eric Stiffler. Offenkundig hat der wahnsinnige Mörder noch eine Rechnung mit dem Kommissar offen.

Die Ermittlungen gestalten sich schwierig, auch weil der Polizist nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Das zumindest muss die junge Nachwuchskommissarin Manuela Sperling feststellen, die dem miesepetrigen Beamten im Rahmen ihrer Ausbildung zugeteilt wird. Der alte Mann jedoch ermittelt überhaupt nicht, oder wenn dann in unkontrollierten Alleingängen. Die junge Frau lässt sich davon insofern nicht unterkriegen, als sie sich ohne Unterstützung ebenfalls in die Fälle der unter Wasser ermordeten Frauen verbeißt und immer neuen Spurgen nachgeht. Schnell wird klar, dass der Fall weit zurückreicht und unlösbar mit der Biographie Stifflers verbunden ist.

Andreas Winkelmann kann spannende Geschichten erzählen
„Wassermann Zorn“ ist der dritte Krimi von Andreas Winkelmann, der sich der gängigen Praxis, Kommissarserien anzulegen, bislang konsequent verweigert. Das ist ungewöhnlich, das erschwert die Identifikation mit den Hauptdarstellen, aber das hat seinen eigenen Reiz, weil der Leser immer wieder von neuen Einfällen und Charakteren überrascht wird. Andreas Winkelmann versteht es zudem, spannende Geschichten zu erzählen und unerwartete Wendungen einzubauen. Das macht „Wassermanns Zorn“ zu einer unterhaltsamen Lektüre.

Der deutsche Krimi als Arztroman
Leider gibt Winkelmann der Versuchung nach, eine besondere Krankheit in seinen Kriminalroman einzubauen. Ein Taxifahrer, der in „Wassermanns Zorn“ eine wichtigere Nebenrolle einnimmt, leidet an Narkolepsie, eine Krankheit, die – wenn man den Erzählungen im Buch Glauben schenken darf – dazu führt, dass die Betroffenen überraschend in einen kurzen komatösen Schlaf fallen und so eine Gefahr für sich und ihre Mitmenschen werden.
Es scheint so, als gehöre das zum Lehrplan für kreatives Schreiben, dass deutsche Autoren derartige Besonderheiten in ihre Kriminalromane unterbringen. Immer wieder liest man also von seltenen Krankheiten, die in erster Linie beweisen, dass der Autor des Buches die Kunst der Recherche beherrscht. Die Handlung bringt das in den seltensten Fällen wirklich voran. Es wirkt beinahe so, als hätte die aktuelle (jüngere) Autorengeneration Zweifel daran, dass das Leben an sich, die ganz normalen Abgründe, die hinter den Fassaden scheinbar heiler Biographien lauern, nicht spannend genug sei. Dass dieser Zweifel unbegründet ist, belegt das Leben, das zeigen aber auch ihre schreibenden Kollegen aus Skandinavien, die solche Exkursionen ins medizinisch-psychologische Raritätenkabinett meistens nicht nötig haben.

Tatort:Deutschland
„Wassermanns Zorn“ spielt in keiner konkret benannten Stadt, oder wenn ist das so geschickt getarnt, dass der Ort nicht ins Bewusstsein dringt. Mörder und Polizisten beharken sich in irgendeiner durchschnittlichen deutschen Großstadt im vermutlich eher norddeutschen Raum. Das geben die Beschreibungen, die Andreas Winkelmann zur Charakterisierung seiner Orte gebraucht her. Die Benutzung fiktiver Orte ist ja immer Geschmackssache, für Freunde nachvollziehbarer Tatorte ist sie eher irritierend, aber letztlich funktioniert „Der Wassermann“ auch ohne genaue Kenntnis des Ortes gut.

Andreas Winkelmann, Wassermanns Zorn, Wunderlich, 409 S., 14,95€