Tom Epperson schickt blutrünstigen Hyänen auf die Jagd

14 Okt

Was haben ein Gebrauchtwagenhändler, ein Auftragskiller, ein Farmer und ein junger Football-Spieler gemeinsam? Alle vier kommen beinahe beiläufig  auf den ersten Seiten von Tom Eppersons „Hyänen“ ums Leben. Der US-amerikanische Schriftsteller pflegt einen wenig rücksichtsvollen Umgang mit Menschenleben. Seinen ganzen Roman hindurch zieht sich eine blutige Spur. Zu Tode kommen nicht nur alle möglichen Figuren sondern immer wieder eigentlich Unbeteiligte.

Jagd auf eine Mafia-Braut

Die Toten sind mehr oder weniger zufälliges Nebenprodukt einer gnadenlosen Jagd. Die Meute hetzt Gina und ihren Sohn. Die junge Frau beging einst den Fehler in einen Mafia-Clan einzuheiraten. Um ihren Sohn zu schützen, verpfiff sie ihren Gatten ans FBI. Auf der Flucht ins Zeugenschutzprogramm ließ sie noch einige Diamanten mitgehen, deren Herkunft zumindest zweifelhaft ist. Seither trägt sie ein unsichtbares Zielkreuz auf Rücken, Stirn und allen anderen potentiellen Trefferflächen. Weil auch die Zeugenschützer den Verlockungen von Kopfgeld und Edelsteinen erlagen, führt sie ein Nomadenleben auf der Flucht vor der Meute.

Flucht ohne Aussicht

An der US-Westküste kommt es zum Show-Down. Hilfe kommt von ungewohnter Seite. Gray, ein ehemaliger Elitesoldat mit kleineren Persönlichkeitsstörungen, nimmt die flüchtende Kleinfamilie unter seine Fittiche. Zwar stapeln sich bald die Leichen, aber ein Ausweg ist erst einmal nicht in Sicht.

Menschliche Hyänen ohne Gnade

Tom Epperson hat keinen Kriminalroman geschrieben. „Hyänen“ ist eine blutige Lektüre, allein es fehlt der Wille zur Aufklärung. Eher schon ist sein Roman ein düsteres Road-Movie in Buchform, dessen Protagonisten sich durchweg der niedrigeren Beweggründe menschlichen Handelns bedienen. Das Kunststück Eppersons besteht darin, keine Superschurken geschaffen zu haben. Der US-Amerikaner hetzt ein Panoptikum mäßig begabter Verlierer aufeinander, die abgesehen von ihrer kriminellen Energie ein biederes Leben führen, dass in jede durchschnittliche heruntergekommene Vorstadt passen würde. „Hyänen“ macht deshalb vergleichsweise viel Spaß, weil Epperson bei seinem Bericht über die Truppe mordender Versager beinahe immer den richtigen lakonisch-nonchalanten Ton trifft.

 

Tatort: Westküste

Die Hauptfigur ist auf der Flucht. Entsprechend viel kommt sie herum – und sieht doch immer nur das Gleiche: Schäbige Motels, heruntergekommene Diner und kilometerlang den Asphalt der Highways. Die Westküste, die Tom Epperson in „Hyänen“ beschreibt, muss ganz ohne Glanz und Pracht auskommen. Es sind triste Plätze, die der US-Amerikaner beschreibt. Diese Tristesse, die Einsamkeit der Wüste, der billigen Neon-Glanz eines Vergnügungsparks, skizziert Epperson gekonnt, ohne viele Worte machen zu müssen. Die stimmige Atmosphäre des „Sets“ gehört wie die liebevoll gezeichneten Charaktere zu den Stärken des Romans.

Tom Epperson, Hyänen, Rowohlt, 413 S., 9,99 €

VÖ: September 2012