„Schattenhaus“, Alex Reichenbachs angenehm altmodischer Frankfurt-Krimi

28 Okt

Hinterfotzig intrigante Kollegen, oder ein Chef der selten zuhört und auf die Einflüsterungen mieser Schleimer hereinfällt, können einem Menschen den Arbeitsalltag schon vergällen. So geht das auch Kommissar Winter von der Frankfurter Polizei. Da ist er einmal in Urlaub, um die fragile Beziehung zu seiner Frau zu kitten, und schon krallt sich ein inkompetenter Kollege einen Fall und fährt den aus Faulheit gleich an die Wand. Da er dabei jedoch raffiniert vorgeht, gehen ihm Chef und Staatsanwalt auf dem Leim. Schnell wird ein Verdächtiger verhaftet und vor Gericht gestellt.

Alex Reichenbach erdenkt einen komplexen Fall

Erst deutlich später, als weitere Morde passieren, wird klar, dass Winter mit seiner Vermutung, ganz so einfach könne das alles nicht sein, Recht behalten soll. Aus dem vermeintlichen Familiendrama, bei dem ein Ehepaar in einem Frankfurter Vorort erschossen aufgefunden worden war, entwickelt sich ein überaus vielschichtiger Fall, in dem ein aufschneiderischer Archäologieprofessor, ein windiger Anwalt, ein jugendlicher Straftäter und jede Menge familiärer Verwicklungen eine Rolle spielen sollen.

Ein erfrischend normaler Kommissar

„Schattenhaus“ der zweite Kriminalroman von Alex Reichenbach um das Ermittlerduo Andreas Winter und Hilal Aksoy, ist auf angenehmste Weise altmodisch. Ganz gegen den Trend hat der Kommissar keine außergewöhnlichen Leiden, keinen Tick. Winter ist ein guter Ermittler, aber auch ein fleißiger Beamter, der weitgehend in den Konventionen eines behördlich geregelten Lebens gefangen ist. Man könnte sagen, er kämpft mit den ganz alltäglichen Tücken des Lebens und ist bis zur Langeweile normal – und das ist in der Kriminalliteratur so selten, dass es beinahe schon wieder etwas Besonderes ist.

Einstmals übliche Motive im Zentrum

Auch die Ereignisse erscheinen angesichts sonst üblicher Gewaltexzesse und Verschwörungstheorien in der modernen Kriminalliteratur beinahe aus der Zeit gefallen. Reichenbach bietet zunächst die einstmals üblichen Motive Gier, Neid und Hass an. Jetzt zu vermuten, die Handlung wäre einfach gestrickt oder gar langweilig, wäre jedoch grundlegend falsch. Der Autor, der selber in Frankfurt lebt, hat eine sehr komplexe Geschichte mit einem überraschenden Ende erdacht. Zwar ist „Schattenhaus“ vielleicht um einige wenige Seiten zu lang geraten, auch sinkt das Tempo zwischenzeitlich etwas zu sehr ab, aber insgesamt unterhält der Krimi gerade wegen seiner auf ersten Blick altmodisch anmutenden Themenwahl und Erzählweise.

 

Tatort:Frankfurt

Frankfurt sieht sich gerne als Weltmetropole mit glitzernden, in den Himmel ragenden Bankentürmen. Tatsächlich bietet die Stadt am Main eine interessante Mischung aus Tradition und Moderne. Nur wenige Kilometer vor den Stadtgrenzen geht es aber deutlich ländlich zu. In den Orten rund um Frankfurt scheint auf merkwürdige Weise in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Zeit eingefroren zu sein. Dieses biedere Frankfurt, das sich auch wie eine dicke Decke atemlähmend auch über die vornehmeren Vororte, in denen nur Vorgärten und Garagen Größe besitzen, legt, beschreibt Reichenbach in „Schattenhaus“. Man ahnt, auch ohne das der Frankfurter viele Worte darum macht, den Dünkel der Kleinstadt – und das hebt Schattenhaus aus der Riege der Regionalkrimis hinaus.

Alex Reichenbach, Schattenhaus, Rowohlt, 476 S., 9,99€

VÖ: Oktober 2012