Jonas Winner vergisst bei „Der Architekt“ das Dach

11 Nov

Ein Gerichtssaal in Moabit. Auf der Anklagebank sitzt ein renommierter Architekt, dem die grausame Morde an seiner Frau und seinen beiden Kindern vorgeworfen wird. Durch einen Zufall gerät der junge Drehbuchautor Ben, bei dem sich Erfolglosigkeit und Charakterschwäche in etwa die Waage halten, in die Verhandlung und ist sofort gefesselt.

Es griffe zu kurz zu vermuten, dass der junge Mann einfach nur ein Geschäft wittert. Die Abscheulichkeit des Verbrechens, das Charisma eines potentiellen Unholds faszinieren den Autor, und er beschließt, ein Buch über den Prozess zu schreiben. Mit mehreren gewagten Manövern gelingt es ihm, das Vertrauen des Anwalts, der Familie und schließlich des Angeklagten zu gewinnen. Bald schon wird Ben in einen Strudel immer verstörender werdenden Ereignisse hineingezogen, bei dem nicht ganz klar ist, ob sie eine Kette von Zufällen, perverses Spiel oder raffinierter Plan sind. Jedenfalls offenbaren sich immer mehr Geheimnisse um Macht, Einfluss und dunkle Begierden.

Düsterer Plot, dünne Auflösung in Jonas Winners „Der Architekt“

Jonas Winner hat sich den düsteren Plot für seinen Thriller „Der Architekt“ ausgedacht. Das Ergebnis dieser Bemühen ist, wie man so schön sagt, zwiespältig. Winners Psychothriller besticht von Beginn an mit hohem Tempo, vielen komplexen Einfällen und einer durchweg düsteren Grundstimmung. Lange, das darf man im Genre auch erwarten, wird der Leser über Intentionen und Pläne der handelnden Figuren im Unklaren gelassen. So weit, so gut.

Natürlich, da ist Winner ganz deutscher Autor, wird das ganze intellektuell überhöht und mit einer Prise Proseminarwissen deutscher Architekturgeschichte gewürzt. Das scheint zwar, angesichts des Titels notwendig, wirkt vor allem angesichts der allzu banalen Auflösung überflüssig. Dass Winner viele gute Ideen anreißt, diese aber letztlich nicht wirklich zu Ende bringt, ist vielleicht die entscheidende Schwäche des Thrillers. Nach furiosem Auftakt gleicht er einem bis zum bersten gefüllten Luftballon, dem am Ende mit leisem Pfeifen die Luft und damit die Spannung ausgeht.

 

Tatort:Berlin

Jonas Winner hat einen der unerträglichsten und einen der unerkannt spannendsten Orte Berlins beschrieben. Das Amtsgericht Moabit mit seiner kaiserlichen Architektur verströmt bis heute wilhelminisch-preußische Strenge, die Aura verstaubter Akten und den Geruch von Bohnerwachs. Dennoch ist das Gebäude ein faszinierender Ort demokratischer Rechtsstaatlichkeit, ein beeindruckend zeitloses Fundament bundesrepublikanischer Stabilität in einer unruhigen Zeit.

Für diese fiebrig, schnelllebige und vollkommen oberflächliche Welt steht der zweite, der unerträgliche Ort, eine von Winner beschriebene Bar in der Veteranenstraße. Hier, in der Mitte des neuen Bezirks Mitte, treffen sich die jungen, schönen, sich ob ihrer puren Existenz für Bedeutsam haltenden Neu- und Jungberliner. Natürlich ist es nicht immer dieselbe Bar: Alles, was länger als einen Wimpernschlag Bestand hat, ist für diese Szene schon nicht mehr in. Insofern mäandern diese „Bars“ die Straßen rauf und runter. Erkennbar sind diese Treffs an den uniform „individuellen Haarschnitten und Outfits und am „Tiefgang“, der meist die Höhe der neuesten I-Phone-Generation nicht überschreitet.

 Jonas Winner, Der Architekt, Knaur, 380 S, 9,99€

VÖ: 1. Oktober 2012