Guter Krimi, aber auch Fortsetzungsroman: Thomas Engers „Vergiftet“

25 Nov

Ein ehemaliger Geldeintreiber wird „solide“. Tore Pulli überzeugte einst mit dem Schlagring säumige Zahler, ihren Pflichten nachzukommen. Seinen Anteil, den er dafür erhielt, investierte er in das blühende Osloer Immobiliengeschäft. Dennoch schaffte er es nie ganz aus den Kreisen hinaus, die man gemeinhin als „Halbseiden“  bezeichnet. In diesem Umfeld, das durch Fitnessstudios und Nachtclubs bestimmt wird, geschieht ein Mord Tore Pulli soll einen ehemaligen Geschäftspartner erschlagen haben. Umstände und Vorgeschichte lassen Staatsanwalt und Richter nicht groß zweifeln. Der Mann wird verurteilt – und bittet Henning Juul um Hilfe.

Ermittlungen in halbseidenen Kreisen

Juul ist Journalist für ein Internetmedium und hat seinerseits den Ruf, seine Recherchen hartnäckig und bis an die Grenzen zu treiben. Dennoch hat Juul eigentlich mit diesen halbseidenen Kreisen nichts am Hut, lässt sich aber überzeugen, weil sein Klient ihn mit Informationen über den bis dahin ungeklärten Tod seines Sohnes „bezahlen“ will. Es folgt eine komplexe Mörderjagd mit einem ganzen Haufen skrupelloser Verbrecher – und Verdächtiger.

Thomas Enger und sein atemloser Präsens

„Vergiftet“ heißt der Kriminalroman des Norwegers Thomas Enger. Es ist die Fortsetzung des erfolgreichen Debüts „Sterblich“ aus dem vergangenen Jahr. Für den zweiten Fall um den Journalisten Henning Juul gilt ähnliches wie für den Erstling. „Vergiftet“ ist ein solider, gut konstruierter und spannend aufgeschriebener Kriminalroman mit einem glaubwürdigen Ermittler, an dessen Geschichte man gerne Anteil nimmt. Leider hat die gleiche Anmerkung aus dem Erstling Bestand. „Vergiftet“ ist durchgehend im Präsens geschrieben und der Versuch, damit zusätzliche Spannung zu erzeugen, wirkt leider atemlos und damit etwas unelegant.

Problematisch: Der Krimi als Fortsetzungsroman

Der Krimi als Fortsetzungsroman hat zudem immer das Problem, dass er eine treue, einigermaßen informierte Leserschaft braucht.  Zwar wird, soviel Handwerk beherrscht Enger als Nötige der Vorgeschichte von Henning Juul und den anderen Figuren erklärt, dennoch liest man, weil Juul offenbar weitere Folgen plant, dem Krimi an, dass er nur eine Durchgangsstation ist. Dieses Cliffhanger-Prinzip aus US-amerikanischen Fernsehserien ist mittlerweile auch in der Kriminalliteratur weit verbreitet, muss aber wirklich gut gemacht sein, damit es wirklich gut funktioniert.  Man kann gar nicht sagen, dass es Thomas Enger besonders schlecht gemacht hätte, vielleicht ist auch gerade nur der Punkt erreicht, bei dem der Krimi-Leser diese dramaturgische Geschäftsidee einmal zu viel gelesen hat.

 

Tatort:Oslo

Den „Tatort“ Oslo hatte Henning Juul bereits in seinem Debüt eingeführt. In „Vergiftet“ beschränkt er sich darauf einige Mikro-Schauplätze vorzustellen, die die ganze Tristesse einer durch das Öl zum Reichtum (und nicht zwingend zu Geschmack) gekommenen Metropole vorzustellen. Trotz – oder vielleicht gerade wegen dieses Reichtums ­– hat sich eine dubiose Szene aus heruntergekommenen Fitnessstudios, Nachtclubs und Restaurants gebildet. Hier bewegen sich die Protagonisten des Kriminalromans. Allerdings spendiert Thomas Enger seinen Leser einen Ausflug in die norwegische Provinz.

Thomas Enger, Vergiftet, Blanvalet, 458 S., 14,99€

VÖ: 29. Oktober 2012