Roger Smith inszeniert ein morbides Ballett aus Verrat und Gewalt

9 Dez

Die Ehe ist oft die vorweggenommene Hölle. Davor schützen weder beruflicher Erfolg, ein mittleres Vermögen, gemeinsame Kinder oder ein komfortables Heim. Zumindest für Nicholas und Catherine Exley gilt das. Beide leben mit Tochter Sunny in Kapstadt am Strand. Über den Zustand der Familie ist alles gesagt, wenn man weiß, dass ein Kindergeburtstag damit endet, dass der Gatte vor dem Haus mit einem Kumpanen kifft, während sich die Gemahlin in der Küche von ihrem serbischen Geliebten vögeln lässt. Kein Problem, könnte man in modernen Zeiten meinen, wenn nicht in diesem Moment die Tochter, die beiden Elternteilen aus unterschiedlichen Motiven im Weg ist, Richtung Atlantik läuft und dort ertrinkt. Das wiederum bekommt der ehemalige Polizist Vernon Saul mit, der wegen einer Schussverletzung den Dienst quittieren musste und seine Rente als Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma fristet. Saul bekommt auch mit, weshalb die kleine Sunny stirbt.

Ein korrupter Cop schmiedet finstere Pläne

Der Südafrikaner Roger Smith hat wieder ein erlesenes Ensemble gescheiterter Existenzen versammelt. „Stiller Tod“ heißt sein neuer, soeben erschienener  Thriller, der eigentlich eher  die kalte Tagebuchaufzeichnung einiger Leben in einer unaufhaltsamen Abwärtsspirale ist. Vernon Saul etwa wurde nicht als Held im Einsatz angeschossen: Einigen Drogenhändlern war schlicht das „Schutzgeld“ zu hoch, das der Cop erpresste. Den Dienst musste er denn auch quittieren, weil ihm sonst eine unangenehme interne Ermittlung gedroht hätte. So versucht er als Security-Mann aus seinem Umfeld herauszuquetschen, was eben geht. Er kontrolliert eine ehemalige Prostituierte, hält seine eigene Mutter wie eine Sklavin im Haus gefangen und macht sich auch sonst wenig Freunde.

Ausgehend vom tragischen Tod eines kleinen Mädchens entspinnt sich ein finsterer Reigen, in dem  die Beteiligten ein morbides Ballett aus Betrug, Verrat und Gewalt tanzen. Wenig überraschend, dass sich bald die Leichen am Weg stapeln.

Wenig Raum für Liebe oder Hoffnung bei Roger Smith

Roger Smith hat mit kraftvoller, teils derber Sprache wieder einen düsteren Triller geschrieben. In seinen Büchern ist wenig Raum für Liebe oder Hoffnung. Aber das macht den Reiz aus. Dieses Mal hat sich der Südafrikaner ganz auf die Beziehungen (oder Nicht-Beziehungen) seiner Protagonisten konzentriert – und das enttäuscht. Das „enttäuscht“, weil Smith zuvor mit „Staubige Hölle“ ein ganz außergewöhnlich starker Thriller gelungen war, dessen Personal noch verderbter, dessen Bühne aber die Politik war, auf der Smith ein eindringliches Drama über einen verlorenen Kontinent inszeniert hatte. Sein neuer Roman, „Stiller Tod“ ist dagegen einfach nur ein sehr guter Thriller, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Insofern hält sich die „Enttäuschung“ auch in Grenzen.

Tatort:Kapstadt

Roger Smith stellt zwei Welten gegeneinander. Die Idylle der Reichen, die in noblen, vom Wachpersonal geschützten Häusern am Strand mit Blick auf das Meer leben und die brutale Welt der Slums, in denen Drogenhändler, Zuhälter und  korrupte Cops den Gang der Dinge bestimmen. Stadtviertel, in denen es keine Hoffnung gibt. Roger Smith beschränkt sich in „Stiller Tod“ darauf, diese Gegensätze herauszuarbeiten. Auch der Leser, der Kapstadt nicht aus eigener Anschauung kennt, kann so erahnen, die südafrikanische Metropole eher ein wildes Reiseziel darstellt, dass für einfache touristische Freuden denkbar ungeeignet scheint. Die besondere Kunst Smiths besteht darin, diese Bilder seiner Heimat beinahe beiläufig, aber eindringlich bis unentrinnbar im Gehirn seiner Leser zu projizieren.

Roger Smith, Stiller Tod, Tropen, 380 S., 19,95€

VÖ: 24. Oktober 2012

 



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