„Eisnattern“, Eher Krippenspiel als Krimi. Totzdem gut

21 Dez

„Och, nöö“: Ein Roman in Ich-Form. „Hilfe“: Auch noch mit einer weiblichen Erzählerin. Ein Lokalkrimi außerdem noch:“ Hmmmpf“. „Neinneinnein“: ein Quentin-Tarantino-Zitat als Nachweis popkulturellen Bildungsbürgertums gleich auf den ersten Seiten. Der erste Kontakt verläuft wirklich eher sperrig und lässt nichts Gutes ahnen. „Eisnattern“ heißt das neueste Werk von  Simone Buchholz, die vor einigen Jahren die Hamburger Staatsanwältin Chas Riley erfunden hat

Als Kriminalroman ist „Eisnattern“ eine Fehlbesetzung

Um es gleich vorwegzunehmen. Als Kriminalroman ist „Eisnattern“ tatsächlich eine Fehlbesetzung. Wer Spannung, komplexe Handlungsstränge oder wenigstens finstere Schurken in seinem Krimi erwartet, wird bitterlich enttäuscht. Und doch ist der neue Roman von Simone Buchholz auf eine liebenswert verschrobene Weise großartig. Die Hamburgerin erzählt in „Eisnattern“ eine Art Weihnachtsgeschichte. Ganz ohne Engel, offenkundige Wunder oder Besinnlichkeit, aber mit einem gekonnt zusammengestellten Ensemble von Verlierern, die ihren Weg durch den Hamburger Winter suchen.

Hilfe für Hilflose in Hamburgs Kälte

Natürlich gibt es so etwas wie eine Handlung. Chas Riley (der Vater ist wohl Amerikaner, deshalb der Name) wird von ihren Vorgesetzen nach Hause geschickt, damit sie ihren Resturlaub abbummelt  – auch eine Staatsanwaltschaft ist schließlich nichts anderes als eine deutsche Behörde. Sie langweilt sich, streunert durch ihren Kiez, St. Pauli und das Karolinenviertel und findet einen Obdachlosen, der brutal zusammengeschlagen wurde. Es soll nicht der einzige bleiben. Riley macht sich an die Nachforschungen, um herauszufinden, wer sich an den Schwächsten der Schwachen vergreift.

Ein mitreißendes Krippenspiel der besonderen Art

Eigentlich aber stolpert sie in diesen Tagen rund um das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel durch ihr eigenes Leben, mit dem sie trotz ihres akademischen Grades und des profilierten Berufes überraschend schlecht zurecht kommt. Richtig glaubwürdig ist das natürlich nicht, dass eine Ermittlerin mit Prinzipien sich im Rotlichtmilieu herumtreibt. (Es soll ja auch korrupte Beamte geben, bei man das dann eher erwarten würde.) Die hilflosen Versuche der Frau, ihr Privatleben zu ordnen, sind jedoch einer wirklich perfekten Mischung aus schnoddriger Nonchalance und ergreifender Rührseligkeit aufgeschrieben. Der zugig-ungemütliche, elbnahe Teil Hamburgs und das liebevoll detailliert beschriebene Personal rund um Chas Riley bilden so die perfekte Kulisse für ein Krippenspiel der besonderen Art.

„Eisnattern“ ist vielleicht kein großer Krimi oder wegweisende Literatur, aber der Roman unterhält sehr gut. Damit ist er ein guter Begleiter für die leicht sentimentalen Stunden auf dem Weg zum Weihnachtsfest, bevor einen die  Wucht des familiären Wahnsinns umbläst und auf den Boden der Realität schleudert.

 

Tatort:Hamburg

„Eisnattern“ spielt in einem besonderen Mikrokosmos. Im Prinzip bewegen sich Ermittlerin und Gegenspieler in einem  zu Fuß zu bewältigenden Radius rund um das Heiligengeistfeld in der Schnittstelle zwischen Karolinenviertel und St. Pauli. Der Tatort Hamburg, gegen den sich ja ansonsten so einiges vorbringen ließe, hat den Vorteil, dass das „Exotische“ direkt vor der Haustür liegt. Die Elbe ist Wendeplatz und Startpunkt für so manchen Weltreisenden, die dazugehörigen Elbbrücken sind nicht nur Touristenmagnet. Sie sind immer auch Fernwehpunkt. Insofern haben die Hamburger (und ihre Krimi-Autoren) den Vorteil, dass ihnen tatsächlich die Welt zu Füßen liegt. Es ist immer schön, wenn einer dann auch mal hinguckt.

Simone Buchholz, Eisnattern, Droemer, 220 S., 12,99€

VÖ: November 2012