Roter Zar: Ein Krimi rund um Revolution und die Romanows

5 Jan

Der letzte russische Zar als nachdenklicher Grübler voller Menschlichkeit, die Romanows als weitgehend durchschnittliche Familie und Joseph Stalin als Folterknecht, der bei Gefangenen ganz persönlich Hand anlegt. Dazu noch ein Supersonderermittler mit allen Befugnissen. Wenn man über das Personal von „Roter Zar“ nachdenkt, kommt man relativ leicht auf den Gedanken, dass das alles ein großer Unfug sein könnte.

Sam Eastland und sein finnischer Sonderermittler

Sam Eastland, so nennt sich der US-Autor Paul Watkins simpel in einem passend klingenden Pseudonym, hat einen neuen Krimihelden erdacht und in den russischen Revolutionswirren angesiedelt. Pekkala, so heißt der Mann, ist finnischer Abkunft, wachte einst also oberster Verbrecherjäger über das russische Zarenreich. Zehn Jahre nach der Revolution fristet er sein Dasein als Gefangener der Kommunisten in Sibirien – bis die neue Führung den ehemaligen Sonderermittler reaktiviert, um den Tod seines alten Dienstherren aufzuklären. Natürlich macht sich der lange Jahre gepeinigte allen Widrigkeiten zum Trotz sofort an die Arbeit. Er kann halt nicht anders. Er ist einer, der von der Suche nach der Wahrheit getrieben wird.

Ein Plot im Nebel der Geschichte

Eastland nutzt die zahlreichen Mythen, die sich um die Romanows, ihr Ende und ihr Erbe ranken und breitet einen Stoff aus, der mittlerweile soweit durch den Nebel der Geschichte verschleiert ist, dass Fakten und Fiktion weitgehend schmerzfrei zu einem zusammenfantasierten Plot vermischt werden können.

Wer sich „Roter Zar“ ohne kritisches historisches Bewusstsein nähert, wird jede Menge Spaß haben. Schließlich enthält der Krimi-Neuling alles, was in eine unterhaltsam-spannende Geschichte hineingehört. Ein exotischer Schauplatz, eine wild-mysteriöse Verschwörungstheorie um tatsächliche historische Ereignisse, ein raffiniert erdachtes Verbrechen und ein glaubwürdig-sympathischer Ermittler. Diese Mischung hat Sam Eastland gut zusammengefügt und wirklich unterhaltsam-spannend (wenn auch nicht immer logisch)  aufgeschrieben. „Roter Zar“ gehört zu der Sorte Bücher, in der man sich verlieren kann.

 

Tatort:Russland

Pekkala, der Held von „Roter Zar“ kommt herum. Aus seiner finnischen Heimat nach St. Petersburg und Moskau, später nach Sibirien und in die weiten russischer Provinz. Sam Eastland hat den Vorteil, dass er seinen Krimi knapp 100 Jahre in die Vergangenheit verlegt und deshalb natürlich über ein großes Maß dichterischer Freiheit hat. Er inszeniert, vermutlich durch den großen Erfolg der Russland-Trilogie von Tom Rob Smith inspiriert, ein düsteres, melancholisches Russland voller Weite, mit dichten Wäldern und unwirtlichen Ebenen. Natürlich gibt es prächtige Paläste, elendige Hütten und potjemkische Dörfer. Streng genommen könnte man sagen, Eastland verwurstet alle Klischees zu einem einfachen Gemälde. Wie das mit Klischees so ist, haben sie meist einen wahren Kern, deshalb wirkt Sam Eastlands Russland glaubwürdig, oder zumindest vertraut – und das vereinfacht den Lesefluss.

Sam Eastland: Roter Zar, Knaur, 380 S., 9,99€