Michael Connelly nimmt gierige Banker aufs Korn

20 Jan

Der Lincoln-Lawyer ist zurück. Im Rücksitz einer Limousine mit zwielichtiger Vergangenheit kreuzt Michael Haller duch die Straßen von  L.A. und gabelt buchstäblich am Straßenrand Klienten auf. Mittlerweile ist der Anwalt beinahe seriös geworden – er fischt Kunden auch auf dem Anzeigenmarkt ab.

Mord an einem gierigen Banker

Seine neueste Einnahmequelle: Opfer der Immobilienblase, die die Raten ihrer Krediten nicht mehr bedienen können und von Banken per Zwangsversteigerung aus ihrem Haus getrieben werden. Eine dieser Kunden ist Lisa Trammel, eine eher penetrante Lehrerin, die seit Jahren um ihr Haus kämpft und nach Ansicht der Staatsanwaltschaft zu drastischen Mitteln griff: Die Polizei verhaftete die junge Frau, weil sie angeblich einen ihrer Banker mit dem Hammer erschlug.

Aus der Untersuchungshaft meldet sich Trammel bei Michael Haller, der zunächst einmal eine gute Einnahmequelle wittert, vor allem – schließlich praktiziert er in der Nachbarschaft Hollywoods – weil er ahnt, dass er mit Filmrechten auf seine Kosten kommen könnte. Erst allmählich, als er während des Prozesses versucht, Verteidigungslinien aufzubauen, beginnt er, auch an die mögliche Unschuld seiner Mandantin zu glauben

Man ahnte es schon immer – der Immobilienmarkt ist ein Haifischbecken

Das Immobiliengeschäft ist, damit spielt Michael Connelly, der geistige Vater von Michael Haller gekonnt, ein dunkler Sumpf, in dem mit harten Bandagen um Provisionen und Renditen gekämpft wird. „Der fünfte Zeuge“ heißt der neueste Roman des derzeit wohl besten „Serientäters“ aus den USA. Michael Haller ist die Zweitfigur des Autoren, der bereits eine umfangreiche Serie um den zynischen, aber immer ehrlichen und donquixote-artig gegen die Umstände kämpfenden Harry Bosch geschaffen hat.

Michael Connelly, der derzeit beste Serientäter aus den USA

Michael Connelly bietet routiniert Krimi-Stoff auf allerhöchstem Niveau. „Der fünfte Zeuge“ ist formal vielleicht nicht sehr innovativ, ein Gerichtsthriller, der zum größten Teil auf den wenigen Quadratmetern zwischen Richtertisch, Anklagebank und Jury spielt, ein Szenario, wie es John Grisham immer wieder inszeniert hatte, aber Connolly ist ein Meister des Spannungsbogens. Er konstruiert Kriminalromane, die wirklich fesseln. Auch wenn man meint, den Verlauf erahnen zu können, will der Leser den Protagonisten auf den Fersen bleiben – und irgendwie schafft es Connelly doch immer wieder, sein Personal unvermittelt völlig überraschende und doch glaubwürdige Haken schlagen zu lassen.

Auch das handelnde Personal ist eigentlich bekannt und schon oft erzählt, Harry Bosch und sein Cousin Mickey Haller sind Männer, die ihr bestes Alter beinahe schon hinter sich haben, sich aus reinem Selbstschutz mit Härte und einem dicken Mantel aus Zynismus umgeben, im Innersten aber nie aufgegeben haben, an das Gute zu glauben – und dafür auch einstehen. Koste es, was es wolle. Streng genommen ist das natürlich furchtbar eindimensional, dennoch, leidet, fiebert und lebt der Leser mit den Abenteuern der beiden aufrechten Großstadtcowboys in einer schmutzigen, verkommenen Welt mit.

Tatort:Los Angeles

Es gibt Städte, die sind nur von Oben schön. Rio de Janeiro gehört dazu. Vom Corcovado, dem Berg, von dem aus die Jesus-Statue über die Einwohner wacht, betrachtet, glänzt die Stadt in den schönsten Farben: Natur, Häuser und Meer bilden ein perfektes Ensemble, aus der Nähe jedoch wird Rio zum Moloch. Michael Connelly sieht sein Los Angeles wohl ähnlich. Wenn er sich Straßen und Häusern einer immer weitläufigen und zugleich beinahe ländlich provinziell wirkenden Metropole nähert, zeichnet der US-Amerikaner die Stadt wie eine zu grell geschminkte, alternde Prostituierte, die ihre besten Tage deutlich hinter sich hat. Friedvoll wirkt Los Angeles immer dann, wenn seine Darsteller von einer Dachterrasse eines auf einem der vielen Hügel liegenden Häuser aus auf die Stadt schauen. Dieses Bild zieht Connelly konsequent durch, dieses Bild liefert er auch in „der fünfte Zeuge“. Das passt, das überzeugt, auch weil es den vagen Rahmen zu einer Geschichte liefert, die zum größten Teil als Kammerspiel im Inneren eines Gerichtssaals spielt.

Michael Connelly, Der fünfte Zeuge, Knaur, 635 S., 9,99€

VÖ: 18. Januar 2013



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