Dirk Kurbjuweit versetzt einen Familienvater in Angst und Schrecken

27 Jan

Architekten führen, so die weit verbreitete Meinung, ein meist angenehmes Leben. So scheint es auch bei Randolf Tiefenthaler. Er hat Frau und Kinder, ein gut gehendes Büro und kürzlich den größeren Teil eines Hauses in Berlin Lichterfelde, einem Vorort am äußersten Stadtrand, gekauft.

In einer Souterrain-Wohnung lebt ein weiter Mitbewohner des Hauses, der freundliche Herr Tiberius. Nach und nach zeigt sich, dass der Mann im Keller nicht ganz so nett ist, wie es zunächst schien. Auf Kuchen folgen Zudringlichkeiten, Briefe, Annäherungsversuche an Tiefenthalers Frau –  und , als diese erfolglos bleiben, Anklagen und Verleumdungen. Immer wieder streut der gestörte Mann beispielsweise, dass die Tiefenthalers ihre beide Kinder sexuell missbrauchen.

VerzweifeltesTagebuch eines Famienvaters

Das Leben der Familie wird immer weiter zerstört, auch weil Tiefenthaler erst auf die Kraft des Dialoges und dann auf den Rechtsstaat setzt.  Dass das ganze blutig endet, nimmt Dirk Kurbjuweit, der Autor von „Angst“ im Prinzip vorweg. Der Leser  erhält Einblick in eine Art retrospektives Tagebuch des Architekten, dass dieser nach dem Tod des Herrn Tiberius verfasst. Offenbar hatte Tiefenthalers Vater das Gesetz in die eigenen Hände genommen und den gefährlichen Mitbewohner zum Schutz seiner Enkelkinder erschossen.

In den Tagebuchaufzeichnung des Familienvaters erfährt der Leser aber noch viel mehr. Er liest über eine ebenfalls, wenn man so will, gestörte Persönlichkeit, die als Kind den Vater fürchtete, weil dieser ein Waffennarr war, der ohne Pistole nicht aus dem Haus ging, eine Persönlichkeit, die aber offenbar auch nicht zu einer wirklichen Ehe in der Lage ist und die Abende lieber alleine in der Anonymität verbringt.

Portrait eines Stalking-Opfers

„Angst“ ist ein zwiespältiges Buch, natürlich ist das Thema Stalking spannend und die Schilderung eine subtilen Schreckens, der eher in Erwartungen als in Taten begründet liegt, krimi-gerecht furchteinflößend. Andererseits ist, obwohl Kurbjuweit als hervorragender Autor gilt, von dem es gelegentlich heißt, dass er beim „Spiegel“ anderen Autoren die Texte schön schreibt, „Angst“ für meinen Geschmack deutlich zu kurzatmig geraten. Vermutlich hat sich der Autor in die Denkweise des rationalen Architekten hineinfühlen wollen, das Ergebnis ist jedoch ein gelegentlich oberflächlich wirkendes Tempo. Auch der Protagonist wirkt eher weinerlich und ich-bezogen als sympathisch oder wenigstens mitleiderregend. Das könnte daran liegen, dass Kurbjuweit offenbar eigene Erfahrungen, selbst Erlebtes in „Angst“ verarbeitet hat. Als Selbsterfahrungsbericht hat „Angst“ daher einige gewisse emotionale Kraft, als Krimi, als unterhaltende Spannungslektüre, fehlt dem Roman mindestens die Spannung.

Tatort:Berlin

Reinickendorf und Lichterfelde sind eigenwillige Bestandteil Berlins, die Schlafstädte am nördlichen beziehungsweise südlichen Rand der Stadt verbindet eine interessante Bevölkerungsstruktur. Viele gut situierte Familien leben hier, Bürgerliche, die Angesichts bevorstehenden Nachwuchse das Nest in Form eines Eigenheimes gebaut haben teilen sich die Stadtviertel mit einem eher kleinbürgerlichen, engstirnigen Ur-Berliner Milieu. In dies Welt entführt Dirk Kurbjuweit seine Leser gleich in doppelter Hinsicht. In zahlreichen Rückblenden schweift der Autor in die sechziger und siebziger Jahre zurück und lässt die Stimmung einer eingemauerten, wie im Belagerungszustand befindlichen Stadt auferstehen. Das dürfte den älteren Lesern vertraut sein und den jüngeren einen interessanten Blick in die jüngste Geschichte bieten.

Dirk Kurbjuweit, Angst, Rowohlt-Polaris, 252 S., 18,95€

VÖ: 18. Januar 2013



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