Leena Lehtolainens Familiensaga um eine moderne Abenteuerin

3 Feb

Ein guter Name ist oft die „halbe Miete“, auch bei einem Roman. Der Klang entscheidet in Heldengeschichten, Märchen und Sagen oft darüber, ob eine Figur glaubwürdig oder sympathisch wirkt. So gesehen ist Hilja Ilveresko ein genialer Einfall. Er wirkt bodenständig normal und doch  beinahe auf der ganzen Welt exotisch, deutet auf Geschichten in fernen Welten hin.

Hilja Ilveresko, Ermittlerin am Rande einer bürgerlichen Existenz

Die Figur, die sich hinter Hilja Ilveresko verbirgt ist denn auch eine moderne Abenteuerin. Wie viele Vorbilder in der Kriminalliteratur, von Sherlock Holmes über Philip Marlowe bis hin zu Lisbeth Salander, lebt die Finnin eher am Rande bürgerlicher Existenz, ist nur mit brüchigen Trossen im sicheren Hafen der Gesellschaft vertäut, jederzeit bereit sich loszureißen, um mehr treibend als zielstrebig unerforschte, gelegentlich gefährliche Gefilde anzusteuern. Hilja Ilveresko wuchs als Beinahe-Waise in der finnischen Wildnis auf, wurde Leibwächterin und schlägt sich, seitdem das schief ging, mit allerlei Gelegenheitsjobs durchs Leben, kann schießen ,kämpfen  und kellnern – und nimmt sich die Männer, die sie will.  Ganz nebenbei pflegt sie noch ein Alter Ego, verkleidet sich, wenn es die Situation verlangt als Mann.

Leena Letholainens „Löwe der Gerechtigkeit“ ist eigentlich kein Krimi

Wenn man strenge Maßstäbe anlegt, ist Hilja Ilveresko vollständig unglaubwürdig, aber genau das macht den Reiz der Figur aus. Die finnische Detektivin, die sich die erfolgreiche Schriftstellerin Leena Lehtolainen zur Abwechslung Autorinnen-Alltag als Zweit-„Heldin“ erdacht hat, ist eine höchst unterhaltsame Märchenfigur. Da macht es gar nichts, dass die Handlung im zweiten Band der Trilogie eine eher untergeordnete Rolle spielt. Nach „Die Leibwächterin“ geht, so die Ankündigung, Ilveresko in „Der Löwe der Gerechtigkeit“ erneut auf Verbrecherjagd. Genau genommen ist „Der Löwe der Gerechtigkeit“ jedoch eher eine Familiensaga, allerdings ohne Familie. Der Leibwächterin geht zunächst in Italien der Geliebte verloren, dann beobachtet sie einen Mord und schließlich treiben  allerlei Unterweltfiguren, die man in Band eins bereits bezwungen wähnte, wieder ihr Unwesen.  Außerdem erfährt der Leser so einiges über die Familie und Vorgeschichte der Detektivin. Das ist, im Sinne eines Krimis, insgesamt mäßig spannend aber dennoch höchst unterhaltsam, allein weil man der durchgeknallten Frau mit Luchs-Tick auch durch die abstrusesten Situationen einigermaßen gerne folgt.

Tatort:Finnland

Man würde ja gerne wissen, ob Leena Lehtolainen speziell  für den deutschen Markt schreibt, ihre Tatorte jedenfalls legen das nahe. Viele Deutsche reisen gerne in den Norden, um aus den überfüllten Städten in skandinavische Einsamkeit zu fliehen. Das Konzept von einsamer Hütte in idyllischer Landschaft muss wohl das romantische Gen des Volkes, das den Spaziergang in der Natur erfunden hat, aktivieren. Jedenfalls bleibt das Helsinki Lehtolainens einigermaßen blass, während die Hütten, die Seen und Waldlandschaften plastisch und glaubhaft inmitten weitläufiger nordischer Einsamkeit stehen und situationsgerecht behaglich-einladendes Licht oder unheimliche Düsternis verströmen. Dem kann man sich jedenfalls nur schwer entziehen.

Leena Lehtolainen, Der Löwe der Gerechtigkeit, Kindler, 348S., 19,95€

VÖ: 19. Januar 2013



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