Joe R. Lansdale beschreibt einen Road-Trip per Floß in die Freiheit

24 Feb

Normalerweise gelten Flüsse als Keimzelle menschlicher Hochkultur. Wasser bedeutet Landwirtschaft, ermöglicht Transport, Leben schlechthin. Beim Sabine River im Osten von Texas scheint alles anders. Es sind trostlose Gegenden, die der beinahe 1000 Kilometer lange Fluss durchquert, sein brackiges Wasser spendet nur wenig Hoffnung für die Menschen, die in verkommenen Hütten an seinen Ufern siedeln. Dieses Bild zumindest zeichnet Joe R. Lansdale in „Dunkle Gewässer“.

Der US-Amerikaner erzählt in seinem neuesten Roman aus der Sicht der 17-jährigen Sue Ellen. Gemeinsam mit ihren Freunden Terry und Jinx wird sie Zeugin, wie die Leiche der Provinzschönzeit May Lynn aus dem Fluss gefischt wird.  In den Habseligkeiten ihrer Freundin, die immer nach Hollywood wollte, finden die Teenager zunächst Belege, dass May Lynn in einen Bankraub verwickelt war und später das dazugehörige Geld. Alle drei beschließen aus ihrem hoffnungslosen Leben auszubrechen und machen sich gemeinsam mit Sue Ellens alkoholsüchtiger Mutter auf dem Fluss auf den Weg. Rasch heftet sich allerlei finsteres Gesindel an die Fersen des Quartetts.

„Dunkle Gewässer“ ist eine mitreißende Abenteuergeschichte

Joe R. Lansdale hat trotz einiger Kriminalromane entlehnter Stilmittel in erster Linie eine Abenteuergeschichte geschrieben, einen Road-Trip per Floß, angesiedelt im frühen 20. Jahrhundert. Der Weg in die Freiheit ist mühsam, das suggeriert der Roman. So ganz ohne weiteres entkommen die Protagonisten Vorurteilen, Rassismus und primitiver Habgier nicht. Auch, weil sie sich davon zunächst von sich selber befreien müssen.

„Dunkle Gewässer“ ist ein ungewöhnlicher Roman, weil es Lansdale gelingt, mit einfachen Mitteln – ohne moderne Effekthascherei -, das Gefühl von Gefahr, also Spannung zu transportieren. Dabei  gelingt es ihm das Portrait einer beinahe hoffnungslosen Ära in einer äußerst mitreißenden Abenteuergeschichte zu verpacken.

 

Tatort:Texas

Der Sabine River ist der heimliche Hauptdarsteller von „Dunkle Gewässer“ – und natürlich Namensgeber des Romans von Joe R. Lansdale. Der Sabine River ist Grenzfluss zwischen Texas und  Louisiana, 925 Kilometer lang, wasserreich, aber ansonsten eher unbedeutend.   Heute ist er gestaut und dient als Wasserreservoir für die Einwohner von Texas. In Lansdales Roman ahnt man aber, wie es gewesen sein muss, als er noch ungezähmt floss und sich in Hochwasserjahren einfach Häuser, Scheunen und Acker griff.  Der Amerikaner taucht mit seiner Abenteuergeschichte tief in das Leben der Südstaaten vergangener Jahre ein, Zeiten in denen Recht und Gesetz wenig zählten, sich der Stärkere nahm, was ihm zustand. Die Szenerie dazu liefert der Sabine River, an dessen Ufer nur ein Leben in Armut möglich schien. Diese Kulisse malt Lansdale mit energischen, kraftvollen Strichen gleichermaßen glaubwürdig wie Mitleid erregend aus.

Joe R. Lansdale, Dunkle Gewässer, Tropen, 320 S., 19,95€

VÖ: 21. Februar 2013



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