Ian Rankin holt seinen John Rebus aus dem Ruhestand. Gut so

4 Apr

Ian Rankin hat seinen Lesern gleich zwei Gefallen getan. Erstens hat er einen weiteren Kriminalroman um seinen Ermittler großartigen John Rebus geschrieben und zweiten hat er den Mann altern lassen. Der allzeit knurrige Eigenbrötler Rebus, der von einer eigentümlichen Treibstoffmischung aus Rock, Whiskey und hartnäckiger Neugier angetrieben wird, befindet sich im halb im Ruhestand. Als richtiger Polizist darf der Mann nicht mehr arbeiten, weil er die Altersgrenze überschritten hat. Da er von der Verbrecherjagd nicht lassen kann, hat er 25 Jahre nach seinem ersten von bislang insgesamt 16 Fällen, als eine Art Hilfspolizist bei einer „Cold-Case-Einheit“ angeheuert. Dass er gelegentlich kurzatmig ist und auch sonst altersgerechte Ausfallerscheinungen hat, hebt ihn angenehm von anderen Ermittlern ab, die einfach nicht altern wollen.

John Rebus,dauerhaft vom Unglück verfolgt

Eine Konstante zieht sich durch das Leben des Schotten.  Das Unglück verfolgt ihn. Eher unfreiwillig fällt ihm der Fall eines seit 20 Jahren vermissten Mädchens vor die Füße. Schnell findet er heraus, dass nicht eine, sondern gleich mehrere junge Frauen vermisst werden und die Fälle zusammenhängen. Insbesondere, weil sie alle entlang der A9 verschwanden. Die A9 ist die zentrale Verkehrsschlagader, die von Edinburgh durch die Highlands nach Inverness und bis zum hohen Norden führt. Eigentlich alle, die in Schottlands Osten unterwegs sind, müssen die Straße, die sich malerisch schön, von steilen, meist kargen Bergen flankiert, durch die Täler schlängelt, passieren.

Rebus, wie könnte es anders sein, findet die Straße nur nervenraubend, viel Verkehr, wenig Fortschritt. So geht es lange auch seinem Fall. Durch hartnäckige Kleinarbeit und ausgiebige Kilometerfresserei kommt er mindestens als Ermittler irgendwann doch ans Ziel. Er findet erst das „Mädchengrab“ mitten in der schottischen Wildnis und später den Täter.

Ian Rankin versteht sein Handwerk

Mittlerweile ermittelt John Rebus seit über 25 Jahren und hat dabei öffentlichkeitswirksam bislang 16 Fälle aufgeklärt. Insofern ist er regelmäßigen Krimilesern ein alter Bekannter. Bestimmte Macken des Edinburgher Ex-Polizisten sind also, sagen wir mal vorsichtig, dem Leser vertraut, genau wie das handelnde Personal. Dennoch versteht es Ian Rankin immer wieder spannende Geschichten zu erzählen. Auch „Mädchengrab“ ist ein sehr unterhaltsamer Kriminalroman. Rankin versteht sein Handwerk und hat es geschafft, trotz des Seriencharakters seiner Krimi-Reihe nicht in Routine zu erstarren. Dass er noch lange nicht schreibmüde ist, deutet er durch eine weitere Volte an. Er hat, möglicherweise von der Realität inspiriert, kurzerhand das Rentenalter bei der schottischen Polizei angehoben und seinen Ermittler natürlich ein Bewerbungsformular ausfüllen lassen. Gut möglich also, dass John Rebus wieder in den aktiven Dienst zurückkehrt – bis er wieder irgendwo aneckt.

 

Tatort:Schottland

John Rebus ist Stadtmensch, Edinburgh (unter dem Link einige eigene Eindrücke von mir zur Stadt) seine Heimat. Immer wenn er aufs Land muss, wird er besonders grantig. In „Mädchengrab“ muss er gleich mehrfach die schottische Verkehrsschlagader A9 befahren. Natürlich hat er keinen Blick für die raue Schönheit, die sich dem Autofahrer eröffnet, wenn er Perth passiert hat. Es geht in die Highlands, im Westen ragen die Grampian Mountains auf, im Osten die Cairngorm Mountains mit seinem riesigen Nationalpark. Es sind schroffe Bergflanken, sie sich über dem Autofahrer auftürmen, karg bewachsen mit runden, felsigen Gipfeln. Zwischen den Bergmassiven liegen jedoch enge Täler, in denen sich Flüsse schlängeln und Gehöfte ducken. So geht es mindestens bis Inverness, eine tatsächlich verwachsen bebaute Stadt, immer kurz vorm Verkehrsinfarkt. Vermutlich ist John Rebus, der meist nach Whiskey-Brennereien navigiert, nur deshalb nicht gut auf die A9 zu sprechen, weil ihm sein Schöpfer hinter Aviemore, dem schottischen Skiort, keinen Abstecher in sie Speyside gönnt. Dort hätte der Edinburgher nicht nur liebliche Täler und sanft geschwungene grüne Hügel, munter gluckernde Flüsschen und pittoreske Dörfer gefunden, sondern auch den Großteil der Brennereien, die das „Wasser des Lebens“ produzieren, das John Rebus in seinen Pub-Besuchen in Edinburgh neben dem einheimischen Ale so ausgiebig konsumiert.

Ian Rankin, Mädchengrab, Manhatten, 512 S., 19,99€

VÖ: 11. März 2013

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