Melanie McGrath und ihre Detektivin, die aus der Kälte kam

7 Apr

Endlich scheint der Frühling übers Land zu ziehen. Wer vom deutschen Winter, der so penetrant in den Frühling hereinragte, endgültig  die Nase voll hat, sollte von Melanie Mcgraths „Zeichen im Schnee“ die Finger lassen. Andererseits könnte einem ein letzter richtiger Kälteschock die ungastlichen mitteleuropäischen Temperaturen vergessen lassen. Schließlich hat McGrath eine Ermittlerin erschaffen, die wahrhaft aus der Kälte kommt. Edie Kiglatuk lebt auf Ellesmere Island, jenem Teil Kanadas, der durch einen dicken Eispanzer unmittelbar mit dem Nordpol verbunden ist.

Ein Verbrechen am Rande des Iditarod

Nach ihrem ersten Fall, dem großartigen „Im Eis“ (unter dem Link meine ausführlichen Eindrücke), hat es die toughe Inuit-Frau jetzt in eine vergleichsweise urbane Wildnis verschlagen. Anlässlich des Iditarod, dem wichtigsten Schlittenhund-Rennen der Welt, ist sie nach Anchorage, Alaska gereist. Dort, in der fremden Umgebung, verirrt sich die Fährtenleserin und Jägerin Kiglatuk heillos  im Wald – und findet einen toten, in einem merkwürdigen Ritual aufgebahrten Säugling. Für die lokalen Behörden ist der Fall schnell klar, sie machen sogenannte „Altgläubige“, aus Russland eingewanderte christliche Sektierer, für den Mord verantwortlich. Kiglatuk und ihrem Gefährten, dem Polizisten Derek Palliser, ist diese Antwort jedoch zu einfach. Sie stellen Fragen, finden weitere Tote, eine skrupellose Bande und geraten angesichts einer weitreichenden Verschwörung um ein abscheuliches Verbrechen alsbald in Bedrängnis.

Unbarmherzige Natur?  Bestie Mensch!

McGraths Erstling „Im Eis“ lebte von großartigen Schilderungen einer absolut lebensfeindlichen Umgebung. Sie widerstand der Versuchung, erneut das Verbrechen an den Rand der Zivilisation eindringen zu lassen und brachte ihre Ermittlerin zum Verbrechen. Das Konzept ging auf. Anstelle unbarmherziger Natur rücken bei „Zeichen im Schnee“ grausame Menschen in den Mittelpunkt. Und das hat sie gut gemacht. Abgesehen davon, dass die Britin einen höchst spannenden und deshalb unterhaltsamen Krimi geschrieben hat, zeichnet sie exzellent interessante Figuren. Das gilt für ihre Protagonistin, die stets pragmatische, westlichen Zivilisationserrungenschaften skeptisch gegenüberstehende Edie Kiglatuk, das gilt aber auch für beinahe alle anderen Figuren in ihrem Plot. Und wer Schnee und Eis vermisst: Auch davon gibt es in Alaska reichlich.

Tatort: Anchorage

Edie Kiglatuk lebt in der absoluten Einsamkeit. Ihre Heimat-„Stadt“ ist kaum mehr als ein Haufen zufällig hin gewürfelter Wellblech-Behausungen. Das ist nicht schlimm, ihre wahre Heimat ist die Tundra im hohen Norden, das ewige Eis. Entsprechend schlecht kommt Anchorage aus den Augen der Inuit geschildert, weg. Es ist ein auch 150 Jahre nach dem großen Goldrausch in Alaska noch im ein Dorado für allerlei merkwürdige Gestalten, die hier wahlweise sich vor ihrem Scheitern im Rest der Welt verstecken oder auf schnelles, halbseiden verdientes Vermögen hoffen. Von der Schönheit unberührter Natur jedenfalls, die den Mythos Alaska ausmachen, lässt Melanie McGrath in „Zeichen im Schnee nichts spüren.

Melanie McGrath, Zeichen im Schnee, Kindler, 443.S., 14,95€

VÖ: 8. März 2013

 





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