Ursula Poznanski mordet in „Blinde Vögel“ in der Facebook-Gemeinde

12 Apr

Die ersten Opfer könnten gegensätzlicher nicht sein. Ein übergewichtiger, verhuschter und isoliert lebender Germanistik-Student aus Salzburg und eine eher schlicht gestrickte Stylistin aus dem norddeutschen Raum eröffnen den Todesreigen. Obwohl das Duo auf ersten Blick nichts verbindet, sieht zunächst alles nach einer Beziehungstat aus. Die Salzburger Kommissarin Beatrice Kaspary verbeißt sich einmal mehr in einen verworrenen Fall, bei dem sie und ihr Partner Florin Wenninger schnell auf weitere Leichen stoßen sollen.

Facebook und Lyrik-Freunde

Die österreichische Autorin Ursula Poznanski hat nach dem überaus gelungenen Krimi-Debüt „Fünf“ (meine Meinung dazu unter dem Link) mit „Blinde Vögel“ jetzt den zweiten Fall aus dem beschaulichen Salzburg vorgelegt. Wie schon oft hat sich Poznanski, die sich zuvor als Autorin von Jugendbüchern bereits einen Namen gemacht hatte, wieder ein zusätzliches Thema ausgesucht. In „Fünf“ ging es um Geocaching, diesmal hat sie sich den sozialen Moloch Facebook und die gute alte deutsche Lyrik ausgesucht. Gegensätzlicher könnten die Ideen, die den Stoff für ihren Krimi liefern, nicht sein: Auf der einen Seite die urgewaltige Kraft der Worte, die der Welt alle Gemütszustände des Menschen nahebringen, dort der einfache „Like-Button“, der als emotionale Krücke dient – und mehr als jedes Gedicht über sozialen Erfolg oder Ächtung entscheidet.

Treibjagd im Social-Media-Umfeld

In „Blinde Vögel“ stirbt nach dem ungleichen Duo schnell noch ein eher unsympathischer Drogensüchtiger mit Verbindungen ins Rotlichtmilieu und Wurzeln im Südosten Europas. Ein weiterer zusammenhangloser Tod? Beatrice Kaspary sieht als einzige Verbindungen, bleibt hartnäckig und ermittelt unter einem Decknamen im sozialen Netzwerk. Niemand will ihr so recht glauben, dass ausgerechnet im Lyrikforum ein Unbekannter eine gnadenlose Treibjagd abhält. Das bringt am Ende nicht nur Kollegen in Gefahr.

Ein einziger kleinerer Schönheitsfehler in „Blinde Vögel“

Das Facebook-Thema ist offen gestanden der einzige kleinere Schönheitsfehler des neuen Romans. Dass die Autorin Facebook-„Unterhaltungen“ erdenkt und aufschreibt, wirkt – obgleich Facebook mittlerweile weitverbreitetes mediales Massenphänomen mit entsprechender gesellschaftlicher Relevanz ist – auf merkwürdige Weise verstaubt. Vermutlich sind – zumindest im Alltag von Medienschaffenden – die kleinen Icons des soziales Netzwerks bereits zu sehr in die Netzhaut eingebrannt, um noch Aufmerksamkeit erzielen zu können

Ursula Poznanski zeigt erneut, das sie erzählen kann

Insgesamt ist das Unbehagen über das Thema Facebook aber wirklich ein kleinerer Schönheitsfehler, auch wenn die Grundidee für die Romanhandlung essentiell ist. Das liegt zu allererst an der Fähigkeit Poznanskis, eine Geschichte zu erzählen. „Blinde Vögel“ ist wieder von Beginn an fesselnd und hält die Spannung bis zur letzten Seite. Eine besondere Qualität der Österreicherin liegt auch darin, dass sie sprachlich bodenständig aber dennoch interessant schreibt. Die Krimi-Handlung wird so nicht mit verbalen Nebelkerzen verhüllt. Gleichzeitig legt Poznanski aber hinreichend schillernde Wortköder aus, dass auch der anspruchsvollere Leser der Geschichte treu bleibt.

Eine glaubwürdige und sympathische Ermittlerin

Außerdem hat „Blinde Vögel“ noch die Protagonisten auf der Habenseite. Die glaubwürdige Ermittlerin Kaspary, die im für deutsche Leser nett klingenden Polizei-Ressort „Leib und Leben“ arbeitet, bleibt angenehm sympathisch, entwickelt dabei im zweiten Fall mehr menschliche Tiefe (Poznanski ist aber clever genug, sich noch Reserven für weitere Fortsetzungen zu lassen). Auch die Seite der Bösewichter ist gut ausgestattet. Die Autoren offenbart da ein besonderes Faible: „Ich schreibe immer sehr gerne über meine Bösewichte. Ein interessanter Antagonist ist für einen guten Krimi mindestens genauso wichtig wie ein glaubwürdiger Protagonist“, sagte sie anlässlich ihrer Krimi-Premiere vor einem Jahr dem Krimi-Radar (hier das ganze Gespräch).

„Fünf schaffte es zu Beginn des vergangenen Jahres über Wochen in die einschlägigen Bestsellerlisten. „Blinde Vögel“ hat das Zeug dem Krimi-Debüt dorthin zu folgen. Lesern, die auf derartige Gütesiegel keinen gesteigerten Wert legen, sei der aktuelle Poznanski dennoch als überaus unterhaltsamer und spannender Kriminalroman empfohlen.

Tatort:Salzburg

Über Salzburg ist eigentlich alles gesagt, wenn man weiß, dass auf dem örtlichen Flughafen, die Maschinen nur bei schönem Wetter landen können. Eine moderne Ansteuerung gibt es nur von einer Seite, am anderen Ende der Landebahn türmen sich zu dem Berge auf, so dass Reisende entweder in der Luft warten oder aber ins Nahe gelegene München ausweichen müssen: Darüber hinaus hat die traditionsreiche Heimat Mozarts einen überaus pittoresken Stadtkern, eine wuchtige, die Stadt dominierende Burg und viel Natur in der Nachbarschaft. Bei Ursula Poznanski spieln die regionalen Eigenheiten keine Rolle. Mit Absicht. Poznanski denkt an ein größeres Publikum über die Region hinaus. Da dient Salzburg als hinreichend krimi-geeignete Kulisse, spielt aber keine eigene Rolle. Insofern wird der Leser die Stadt schemenhaft wiedererkennen, sich aber mit dem Roman nicht orientieren können: Das ist aber kein Verlust. Bei Ursula Poznanski geht es um die Handlung, nicht um elegische Beschreibungen.

Ursula Poznanski, Blinde Vögel, Wunderlich, 480 S. 16,95€

VÖ: 2.April 2013

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