Mark Peterson zeichnet in Flesh&Blood ein gelungen düsteres Bild von Brighton

2 Mai

Brighton ist Mitbürgern, die ein gewisses Alter erreicht haben, noch vage als englischer Urlaubsort bekannt. Das stammt aus einer Zeit, als das europäische Ausland noch als exotisch und voller Geheimnisse galt, Europa ein Kontinent voller faszinierender Unterschiede und Kulturen schien.  Die englische Südküste blieb, eine See(!) Reise auf den Kontinent war aufwändig und teuer, weit ins 20. Jahrhundert hinein das wichtigste Badeparadies für klimatisch nicht eben verwöhnte Briten. Brighton und die anderen Seebäder standen für verschlafene Provinz, mondäne, leicht verstaubte Hotels und weit in den Ärmelkanal hineinreichende Seebrücken mit allerlei Belustigungen.

Das Verbrechen dominiert den Mark Petersons Brighton

Brighton, ein feenhafter, leicht versponnener friedlicher Ort? Keineswegs, wenn man Mark Peterson glauben darf: Der Brite zeichnet in „Flesh&Blood“ ein düsteres Bild. Sein Brighton wird von Drogendealern, kriminellen Banden, Schlägern, Zuhältern und ihren Strichjungen, der Mafia und einigen gewohnheitsmäßigen Mördern bevölkert. Und das ist nur die Verbrecherseite. Bei der Polizei regieren Karrieristen, Despoten und Verräter.

Auch die „Guten“ haben bei Mark Peterson so ihre Schwächen

„Flesh&Blood“ beginnt furios. Eine Undercover-Aktion der Polizei, bei der ein Drogendealer hochgenommen werden soll, geht gewaltig schief. Auf einen Parkplatz erschießt der Dealer einen der Polizisten und flieht. Das ist nur der Auftakt einer ganzen Reihe überaus brutaler (und drastisch geschilderter) Morde. Es herrscht Krieg. Auf den Piers, in den Hinterhöfen, aber auch auf den Gängen des Polizeigebäudes. Tom Beckett, leitender Detektiv bei der Polizei muss feststellen, dass er nur einem Mann trauen kann, dem jungen Sergeant Detective Minter. Dabei kann Beckett Minter überhaupt nicht leiden, wurde er ihm doch vom gemeinsamen Chef aufs Auge gedrückt, um ihn auszuspionieren, wie die gesamte Einheit glaubt. Der alte Wolf und der Jüngling raufen sich zusammen und nehmen die Spur auf. Obwohl sich beide nie viele Illusionen gemacht hatten, müssen sie feststellen, dass der Sumpf auf dem Brighton schwimmt, viel tiefer reicht, als sie sich das vorstellen konnten.

Mark Peterson weckt Leselust auf mehr

„Flesh&Blood“ ist das Krimi-Debüt von Mark Peterson – und ein sehr gelungenes. Das liegt zum einen daran, dass Peterson eine düstere, beinahe hoffnungslose Atmosphäre schafft und bis zum Ende durchhält, die  seinen Krimi angenehm von den zahllosen Gute-Laune-Krimis, die den Markt überschwemmen, abhebt. Die Atmosphäre hat aber auch viel mit den Figuren zu tun, die der Brite sich erdacht hat. Das Personal, von den „Hauptdarstellen“ und ihren Gegenspielern bis hin zu den Statisten ist gut konstruiert und glaubwürdig beschrieben. Allein die Figuren halten einen bei der Stange, sorgen für viel Krimilesevergnügen. Dennoch ist „Flesh&Blood“ noch kein ganz großer Roman: Es mag sein, dass beim Lesen kleinere stilistische Schwächen ins Bewusstsein drängen, es kann auch sein, dass das „Storytelling“ des Erstlings noch nicht ganz ausgereift ist. In jedem Fall aber machen Mark Peterson und sein „Flesh&Blood“ Lust auf eine Fortsetzung. Genug Potential haben beide gezeigt.

Tatort:Brighton

Bekannt sind die Seebrücken, seit dem 19. Jahrhundert ragen sie in den Kanal, stehen für eine ganz eigentümliche Form der Ferienunterhaltung. Man kennt sie eigentlich immer nur als Zeichen des Verfalls, wenn sie in Filmen außerhalb der Saison menschenleer und heruntergekommen, quasi ohne Make-up gezeigt werden. Brighton, eine Stadt mit Wurzeln im Mittelalter und seit einigen Jahren mit Hove zu einer Millenium-Stadt fusioniert, verfügt aber offenbar über Arbeiterviertel, wie sie Ken Loach nicht besser inszenieren könnte und zugleich über eine große Toleranz. Das Stadtviertel Kemptown jedenfalls ist eins der größten Homosexuellen-Viertel in Großbritannien. Mark Peterson schafft es, all diese schrillen und alle düsteren Seiten Brightons glaubhaft zum Leben zu erwecken. Nur vom heiteren, entspannten Seebad ist in „Flesh&Blood“ nichts zu spüren. So gehört sich das für einen ordentlichen Krimi.

Mark Peterson, Flesh&Blood, Rowohlt, 375S., 9,99

VÖ: April 2013





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