R.J. Ellroy schubst seinen Ermittler tief in den Schmutz der Großstadt

21 Mai

Wer im Dreck wühlt, hat es schwer, sauber zu bleiben. So geht es auch Frank Parrish. Der ist Bulle in New York und muss sich mit den verdorbenen Seelen auseinandersetzen, die sich in den heruntergekommenen Seitenstraßen jenseits der glitzernden Fassaden der Weltmetropole herumtreiben. Frank Parrish sieht viel Not, Elend, aber auch Gewalt und Brutalität. Die Bilder haben sich nicht nur in die Netzhaut, sie haben sich tief in das Großhirn eingebrannt.

Ein Polizist mit kleineren Fehlern

Kein Wunder das der Polizist nicht nur ein klitzekleines Alkoholproblem hat, sondern auch kurz vor dem Rauswurf steht. Denn er trägt nicht nur den Ballast seiner eigenen Erfahrungen, sondern wird auch von den Erinnerungen an seinen Vater, der als mafia-jagender Polizist in der öffentlichen Wahrnehmung einen legendären Ruf genoss, bei en Versuchen durchs Leben zu humpeln zusätzlich zu Boden gedrückt.
Nicht die besten Voraussetzungen, um sich ernsthafter Ermittlungsarbeit zu widmen. Dennoch verbeißt sich Parrish in seinen jüngsten Fall, nachdem in einer Wohnung ein toter Teenager gefunden wird. Ein sechzehnjähriges Mädchen wurde missbraucht, erwürgt und weggeworfen. Frank Parrish beginnt zu ermitteln und muss rasch feststellen, dass Rebecca Lange nicht das einzige Opfer eines skrupellosen Mörders ist. Geht ein neuer Serienmörder um, der sich an Minderjährigen vergreift?

R.J. Ellroy hat einen eigensinnigen Kämpfer für das Recht erdacht

Es gibt nur ein Problem. Frank Parrish kann den Zusammenhang nicht beweisen, und da er desöfteren auf eher unorthodoxe Ermittlungsmethoden zurückgreift, ist die Bereitschaft unter Kollegen und Vorgesetzten, dem Mann zu glauben, gelinde gesagt, gering ausgeprägt. Das kann den eigensinnigen Kämpfer für die Opfer des Schmutzes nicht abhalten.

„Schrei der Engel“ ist große Krimi-Kunst

Der US-Amerikaner Roger Jon Ellroy hat sich den Detektiv mit den genre-üblichen Defiziten ins Sachen Bindungsfähigkeit und Alkoholkonsum erdacht. In der „Schrei der Engel“ schaut Ellroy sehr genau auf die düsteren Seiten New Yorks. Und man muss sagen: Das macht er sehr gut. Ellroy zeichnet ein akribisches Bild eines verkommenen Spektrums US-amerikanischer Gesellschaft. Mitten in den Sumpf stellt er einen Protagonisten, der mindestens bis zum Hals im Sumpf steht und dessen verzweifelter Kampf, nicht endgültig mit unterzugehen, anrührend sympathische Züge trägt. Dazu treibt Ellroy seinen Plot mit unbarmherziger Härte voran. Er lässt weder seinem Ermittler noch seinen Lesern Zeit für eine Atempause. Das ist ganz große Kunst, ein Kriminalroman in bester Tradition der düsteren Thriller US-amerikanischer Tradition.

Tatort:New York

Es gibt zwei Sorten von Unrat. Der eine stapelt sich achtlos beiseite geworfen und zu chaotischen Bergen wachsend, aber immerhin offensichtbar in den weniger schönen Seitenstraßen New Yorks. Die andere Sorte Dreck kommt zutage, wenn man in den Häusern einer blassen Mittelschicht die sorgfältig ausgemalte, aber nichts destotrotz gelegentlich sehr fadenscheinige Fassade ankratzt. Ellroy blickt sehr genau auf beide Sorten Schmutz und gibt sich viel Raum ihn sehr sorgfältig zu beschreiben. So entsteht ein Bild von New York, das die meisten Besucher wohl nie zu Gesicht bekommen, aber das ist vermutlich auch besser so. Denn hier bevölkern Drogensüchtige, Prosituiert, Diebe, Mörder, der Mob und korrupte Polizisten die Straße. Wahrhaft kein Ort, der auf dem Broadway besungen wird. Dafür einer, der erschüttert.
R.J. Ellroy, Der Schrei der Engel, Goldmann, 570S., 9,99
VÖ: Mai 2013





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