Bei Sam Eastlands „Der Rote Sarg“ darf das Leben nicht beim Lesen stören

20 Jun

Historisierende Krimis wanden immer auf einem schmalen Grat. Kritische Geister können Ihnen Geschichtsklitterung oder schweren Diebstahl an der erlebten Realität vorwerfen. Bei drei Autoren gibt es meiner Meinung keinen Zweifel an der Qualität. Das sind Philip Kerr mit seiner Serie um seinem preußischen Polizisten Bernie Gunther, Tom Rob Smith mit seinem KGB-Mann Leo Demidow und seit kurzem Sam Eastland mit seinem Sonderermittler Pekkala.

Der Rote Sarg, der zweite Band von Sam Eastland

„Der Rote Sarg“ heißt der zweite Band, den der unter Pseudonym schreibende US-Amerikaner Paul Watkins, jetzt vorgelegt hat. Um es kurz zu machen: Wie „Der Rote Zar“ ist auch der neue Kriminalromane schlicht großartig. Eastland/Watkins hat eines dieser Bücher geschrieben, die so spannend sind, dass man sich nur sehr ungern vom Leben beim Lesen stören lässt. Insofern ist „Der Rote Sarg“ eine Angelegenheit für ein süchtiges Wochenende.

Ermittlungen rund um eine Wunderwaffe

Worum geht es? In einer geheimen Testanlage stirbt unter mysteriösen Umständen der „Vater“ des Panzers T-34, der als Geheimwaffe die Kommunisten vor dem erwarteten Überfall durch die Nazis schützen soll. Stalin wittert Verrat und schickt seinen Sonderermittler, den kauzigen Finnen Pekkala als Ermittler in die Wälder. Pekkala stellt die richtigen Fragen, findet selbstverständlich den Täter und deckt so ganz nebenbei eine Verschwörung auf.

Ein gnadenlos herzerwärmender Ermittler

„Der Rote Sarg“ erhält seinen Reiz durch das atemberaubende Erzähltempo Eastmans, den hemmungslosen, aber klugen Einsatz realer Figuren der Zeitgeschichte wie eben Stalin oder den Zaren, zahlreiche Rückblenden und vor allem durch einen gnadenlos herzerwärmenden Ermittler.

Mitreißende Geschichten vom richtigen Leben im falschen

Bei der Einordnung des russischen Agenten kommt das eingangs erwähnte Trio, Bernie Gunther, Leo Demidow und Pekkala zusammen. Alle drei versuchen, ein richtiges Leben im Falschen zu führen, vom dem es ja heißt, dass es das nicht gibt. Kein Wunder, dass alle drei scheitern müssen. Aber vom Versuch in Unrecht und Gewaltherrschaft anständig zu bleiben, geht eine gewaltige Kraft aus, die den Leser beinahe automatisch dazu bringt, sich mit dem Protagonisten zu solidarisieren. Vermutlich löst auch das die Leselust aus: das der Leser zumindest geistig das Gefühl hat, auf der richtigen Seite zu stehen. Das im Hintergrund eine tragische Liebesgeschichte in der Kulisse abläuft, schadet vermutlich ebenfalls nicht.

Tatort:Moskau

Sam Eastland beschreibt das Russland der Ära zwischen den  Weltkriegen. Besonders genau ist er dabei nicht. Sein Moskau, sein Stadtplan, die Geografie bleiben eher vage.  Das macht aber nichts, da er die Stimmung, die man in jenen Jahren in dem weiten Land vermutet, sehr glaubhaft wiedergibt. Natürlich verwendet Eastland Klischees, vereinfacht stark, aber er schafft eben gleich ob Zarenpalast in St. Petersburg, dem stalinistischen Kreml oder der dörflichen Atmosphäre der Provinz ein emotional glaubhaftes Bild zu zeichnen. Auch deshalb funktioniert „Der Rote Sarg“ so gut.

Sam Eastland, Der Rote Sarg, Knaur, 367S., 9,99€, VÖ: Juni 2013