Merkwürdige Menschenbilder bei A.J. Cross und ihrem „Kalter Schlaf“

11 Jul

Menschen mit Charakterschwäche haben schütteres Haar, Schwulen kann man nicht wirklich trauen, Menschen mit Bauch taugen höchstens als komischer, geistig eher minderbemittelter Side-Kick. Andererseits  darf man (genauer gesagt in diesem Fall Frau) von Männern nur das Beste erwarten, wenn sie erstens volles Blondes Haar haben und zweitens durchtrainiert sind. Wenn diese kein harmloser kleiner Krimiblog wäre, könnte einen ob solch eines darwinistisch, blond-blauäugigen Menschenbildes die pure Abscheu packen. Das der krimi-radar aber ein harmloser kleiner Krimiblog ist, sei an dieser Stelle nur auf die bis zur Schmerzgrenze grobschlächtige Figurenzeichnung hingewiesen, die die britische Autorin A.J. Cross bei ihrem Debüt „Kalter Schlaf“ verwendet.

Die Rückkehr der ermittelnden Super-Frau

Das Drama beginnt schon bei der Protagonistin, der Psychologin Kate Hansen. Die ist erstens Akademikerin, unterrichtet zweitens an der Uni von Birmingham, unterstützt viertens als Beraterin die örtliche Polizei bei besonders vertrackten Fällen, ist sechstens Mutter, siebtens das selbstverständlich alleinerziehen, um dann neuntens natürlich vor ihren Studenten perfekt gestylt mit lang wallender Mähne und Chanel-Kostüm aufzutreten, sich aber dann zehntens als Gegenprogramm abends zur Entspannung die Zehennägel zu lackieren.  Wer das für glaubwürdig hält, ist bei A.J. Cross und ihrem „Kalter Schlaf“ genau richtig. Ja, das ist zunächst einmal einfach nur platt, wenn der krimi-radar nicht nur ein harmloser kleiner Krimiblog wäre, würde er die Frage stellen, ob sich noch jemand wundert, dass angesichts solcher tonnenschwer drückenden Role-Models junge Frauen heute gelegentlich ein Problem mit der Selbstfindung haben. Aber glücklicherweise ist krimi-radar ja nur ein Krimiblog.

Keine gute Idee: A.J. Cross hat das eigene Leben als Vorbild genommen

Vielleicht führt A.J. Cross, die als forensische Psychologin in Birmingham lebt und mit Sexualstraftätern arbeitet, nicht ihre eigene Geschichte aufschreiben sollen. Mit allen Facetten trägt „kalter Schlaf“ so deutlich autobiografische Züge, und die Autorin ist vermutlich der allzu lockenden Versuchung erlegen, sich selber und ihr eigenes Leben bei leichten Verfremdungen zu idealisieren. Das ist bislang noch bei keinem Krimi-Autor wirklich gut ausgegangen.

Suche nach einem Mutti-Hasser und Mörder

Ein Krimi ist „Kalter Schlaf natürlich auch. Die Psychologin wird hinzugerufen, als eine verweste Frauenleiche gefunden wird. Die Identität der jungen Frau wird schnell geklärt, die Tätersuche gestaltet sich kompliziert. Es stellt sich jedoch heraus, dass mit der Leiche die Taten eines Serienvergewaltigers ans Tageslicht kommen. Das Motiv passt vom Niveau her zur Figurenzeichnung, und kann ohne zu viel preiszugeben, verraten werden: Der Täter wurde, wirklich originell ist das nicht, aus Hass auf seine Mutter zum Mörder und Vergewaltiger.

Kalter Schlaf ist auch sprachlich eine zähe Angelegenheit

Wer nach den bisherigen Bemerkungen noch eine Lese-Empfehlung braucht: Weglassen. Das ganze ist noch nicht einmal besonders gut aufgeschrieben. Ganz ohne literaturtheoretische Analyse bleibt auch sprachlich der Eindruck einer außerordentlich zähen Angelegentheit.

A.J. Cross, Kalter Schlaf, Blanvalet, 572S., 9,99€,VÖ: Juni 2013