„Hier spricht Edgar Wallace“: Die Krimi-Vorlage des Fernsehklassikers

4 Aug

Mehrere Generationen jugendlicher deutscher Fernsehzuschauer sind mit dem knappen und doch ins Mark dringenden Satz „Hier spricht Edgar Wallace“ zum Fernsehabend begrüßt und mit einem wohligen Gruseln ins Bett entlassen worden.  Die Filme mit Heinz Drache, Joachim Fuchsberger, Eddie Arend und natürlich Klaus Kinski waren in den sechziger und siebziger Jahren Kult.

Das bewegte Leben von Edgar Wallace

Die Verfilmungen basieren auf dem Werk von Edgar Wallace und das ist noch einmal ein paar Jahre älter. Wallace führte ein bewegtes Leben, kam 1875 als uneheliches und verstoßenes Kind von ganz unten, eignete sich ohne große Schulbildung wissen an und berichtete sogar als Kriegsberichterstatter vom Burenkrieg in Südafrika. 1905 schrieb er seinen ersten Roman, „Die vier Gerechten“, was ihn beinahe ruinierte, weil er offenbar Lesern, die die Lösung fanden, 500 Pfund Preisgeld versprach. Vermutlich war sein Rätsel einfach nicht komplex genug…

Edgar Wallace, ein fleißiger Krimi-Autor

Insgesamt schrieb Edgar Wallace bis zu seinem frühen Tod 1932 um die einhundert Kriminalromane und Krimi-Erzählungen, sowie zahlreiche Afrika-Romane, einige Sachbücher und andere Stoffe.  Zu den berühmtesten (wegen der Verfilmungen) gehören wohl „der Hexer“, „Die toten Augen von London“ oder „Der Frosch mit der Maske“. Auch wenn man ihn in Deutschland wegen der deutschen Verfilmungen kennt. Er gehört zu den erfolgreichsten und bekanntesten Krimi-Autoren Großbritanniens.

Ein Krimi-Klassiker: „Das Gesetz der vier“

Ich habe mir mal „Das Gesetz der Vier“ noch einmal vorgenommen, eine Fortsetzung von „Die vier Gerechten“. Darin sind im Prinzip eine Sammlung von kürzeren, lose verbundenen Kriminalgeschichten enthalten. Die „Vier“ sind hier auf Zwei geschrumpft, weil einer der „Vier“ – eine Vereinigung von Rächern, die für Gerechtigkeit kämpfen, wo Polizei und Behörden versagt haben – gestorben ist und ein weiterer im Ruhestand auf seinem Landgut in Spanien lebt. Die verbleibenden Zwei klären jedoch jede Menge perfide Morde und andere Verbrechen auf.

Ermittler, die die moderne Wissenschaft in ihren Dienst nehmen

Die Edgar-Wallace-Romane sind deshalb so interessant, weil sie in eine völlig andere Zeit führen, sie spielen unbestimmt in einer Ära, in der Kutschen und Automobile einigermaßen gleichberechtigt das Straßenbild beherrschten. Es war eine Zeit, in der die Wissenschaft sich auch in der Kriminalistik durchzusetzen begann. Wie Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes benutzen die fortschrittlichen Rächer – anders als die Behörden – die Wissenschaft zur Aufklärung ihrer Fälle, sie diskutieren die Möglichkeit, Fingerabdrücke zu nehmen, analysieren chemische Substanzen.

Anwandlungen von Sozialdarwinismus bei Edgar Wallace

Bedenklich scheint aus heutiger Sicht die Idee, die Verbrecher anhand ihrer Physiognomie ausmachen zu können. Aus der Form des Schädels, der Größe der Ohren, der Form des Unterkiefers vermeinten Wallaces Detektive Verbrecher messen und erkennen zu können. Das war Sozialdarwinismus in reinster Form – damals leider weit verbreitet, auf die politische Gesinnung Wallace schließen zu wollen, ginge wohl zu weit.

Spannend, kurzweilig, vorbildlich präzise

Abgesehen von diesen irritierenden Ausflügen jener Zeit hat Wallace unterhaltsame, recht spannende Geschichten geschrieben, die zwar aus der historischen Distanz gelegentlich etwas drollig wirken, aber als Kriminalgeschichten bis heute funktionieren. Insofern könnte es ich lohnen, mal einen Edgar-Wallace-Krimi in die Hand zu nehmen. Das dauert auch nicht lang. Wallace hat kurz geschrieben, einfach verständlich, aber eben auch mitreißend – und das hat angesichts einiger langatmiger, um nicht zu sagen geschwätziger Neuerscheinungen beinahe Vorbildcharakter.

Edgar Wallace, Das Gesetz der Vier, VÖ: 1929
Autor:

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