Raymond Chandlers „Der große Schlaf“, Geburtsstunde Philip Marlowes

20 Aug

Es ist ein Traumsatz eines jeden Bloggers, einmal einen Post mit „Adorno sagt“ zu beginnen. Was das mit Kriminalromanen zu tun hat? Eigentlich nichts, aber andererseits geht auf den deutschen Philosophen der schöne Satz „es gibt kein richtiges Leben im falschen“ zurück. Die Romanfigur Philip Marlowe ist der Großvater all jener Ritter von der traurigen Gestalt, die mit einer gewissen naiv-bewundernswerten Sturheit mit dem Kopf voran gegen eine betonharte Realität anspringen.

Adornos und Chandlers ähnlicher und doch anderer Blick auf die Gesellschaft

Der US-Amerikaner Raymond Chandler schuf seinen eigenwilligen Privatdetektiv in den 30er Jahren, ebenjener Zeit, in der Theodor Adorno von den Nazis ins Exil getrieben worden. Beide beobachteten aus unterschiedlichen Blickwinkeln – und mit unterschiedlichen Denkergebnissen – eine zutiefst amoralische, verrohte und bis ins Mark verdorbene Gesellschaft. Auch wenn sie dabei ihren Blick auf gänzlich unterschiedliche Gesellschaftsentwürfe, Adorno den Totalitarismus und Faschismus, Chandler einen dekadenten, korrupten Kapitalismus kamen beide zu gleichermaßen vernichtenden Urteilen. Während der deutsche Philosoph im amerikanischen Exil daraus ein moralisches Manifest entwickelte, schuf der US-amerikanische Journalist Unterhaltung

Raymond Chandler und seine Krimis der „Schwarzen Serie“

Raymond Chandler gilt als einer der wichtigsten Vertreter und Mitbegründer des Noir-Genres, der Schwarzen Serie, in der sich der Protagonist in einer moralisch verderbten Gesellschaft bewegt, versucht, immer das richtige zu tun, dabei aber bei der Wahl der Mittel ebenfalls nicht zimperlich ist. Philip Marlowe wurde so neben Hammetts Sam Spade, Christies Hercule Poirot und Conan Doyles Sherlock Holmes zu den berühmtesten Detektiven der Kriminalliteratur.

Ein Welterfolg mit Phlip Marlowe

Chandler ging einen wechselvollen Weg mit zahlreichen beruflichen Stationen bevor er sich als Journalist und schließlich als Kriminalautor versuchte. 1988 geboren begann er in den 30er Jahren Kurzgeschichten zu schreiben, sozusagen, um das Genre Kriminalroman üben. 1939 erschien sein Debüt-Roman „Der große Schlaf“. Philip Marlowe wird von einem Auftraggeber, dem schwer kranken General Sternwood, gebeten, sich um einen Erpressungsversuch gegen eine seiner beiden Töchter zu kümmern. Marlowe muss schnell feststellen, dass beide, auf ihre Weise, vollkommen verdorben sind und in tiefe Machenschaften um Verbrechen und Korruption verstrickt sind. Dennoch versucht Marlowe beiden zu helfen, den Auftrag seines Klienten zu erfüllen und seinen eigenen moralischen Standards gerecht zu werden: vor allem letzteres stellt Marlowe in einer prinzipienlosen Welt vor immer neue Herausforderungen.

Die Vorlage des Film-Klassikers mit Humphrey Bogart

Das im Vergleich zu heutigen Kriminalromanen angenehm dünne Büchlein wurde rasch zum Bestseller und begründete Chandlers Weltruhm. Insgesamt sieben Philip-Marlowe-Romane schrieb der US-Schriftsteller, der unter anderem in Hollywood als Drehbuchautor arbeitete. Die Filmstadt an der Westküste, die Chandler in so düsteren Farben beschrieb, setzte dem Krimi-Autor ein filmisches Denkmal. Howard Hawks verfilmte „The Big Sleep“ mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall in den Hauptrollen. Ein Remake gab es in den siebziger Jahren mit Robert Mitchum als Philip Marlowe. Beide Verfilmungen sind in der Kritik nicht unumstritten, das aber interessierte das Kino-Publikum nicht. Wie die Bücher sind auch die Filme, insbesondere die Bogart-Version echte Klassiker.

Tatort: Los Angeles.

Die Stadt der Engel ist in den Romanen Raymond Chandlers ein Ort von düsterner Schönheit. Die Stadt über dem Pazifik schimmert insbesondere Nachts verführerisch, wenn man dem US-Autor glauben darf. Wie viele Metropolen übt die Stadt insbesondere aus der Fernsicht große Faszination aus, aber wehe, wenn man dem Moloch zu nahe kommt, dann springt der ganze Schmutz, die versammelte Verderbtheit einer zutiefst korrupten Gesellschaft ins Auge. All das beschreibt Chandler in einem desillusionierten Ton, allein über die Menschen, die seine Romane bevölkern – und doch zeichnet er, ohne es oberflächlich darauf anzulegen, ein äußerst präzises Bild der Stadt der 30er und 40er Jahre. Manch einer befürchtet, dass sich unter einer kernsanierten Fassade der Kern der Stadt unvermindert verrottet bleibt.

Raymond Chandler, Der große Schlaf, Diogenes, 9,99€, VÖ: 1939
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