1 Sep

Brasilien-Krimi: Edney Silvestre über den hauchdünnen Firnis der Zivilisation

Was machen Jungs so, wenn sie im pubertären Alter sind? Meistens dummes Zeug. Es ist also ganz normal, wenn sich zwei Zwölfjährige mitten am helllichten Tage aufmachen, und zu Gunsten eines faulen Tages am See die Schule schwänzen.  Man weiß ja aber auch, so etwas nur in den seltensten Fällen gut ausgehen kann. Das gilt natürlich auch für Eduardo und Paulo, die sich die kleine Auszeit gönnen. Bei ihrem Badeausflug finden die beiden eine Frauenleiche, brutal ermordet und offenkundig sorgfältig drapiert.

Ein merkwürdiges Gespann ermittelt in „der letzte Tag der Unschuld“

Die Polizei vermutet ohne zu zögern den Mann als Täter, war seine Frau doch deutlich jünger und in der Stadt als vielfache Ehebrecherin verschrieen. Eduardo und Paolo, von einer Überdosis Spannungsliteratur und billigen Filmen getrieben, ziehen das in Zweifel und beginnen zu ermitteln. Hilfe bekommen sie vom greisen Ubiratan, der seinerseits ein Interesse an der Toten hat.  Die drei bilden fortan ein merkwürdiges Gespann. Es entwickelt sich beinahe so etwas wie eine Freundschaft.

Edney Silvestre zeichnet ein düsteres Bild Brasiliens

Der brasilianische Journalist Edney Silvestre hat sich den Plot für seinen Roman „Der Letzte Tag der Unschuld“ erdacht und den Fall in das Brasilien der frühen sechziger Jahre verlegt.  Nur formal handelt es sich um einen Kriminalroman, eigentlich aber zeichnet Silvestre ein düsteres Bild seiner Heimat. Er weicht bewusst in die Zeit der Diktaturen zurück, als Oligarchen über die Menschen herrschten, die so gerade eben juristisch nicht mehr Besitz sein durften, es tatsächlich  faktisch aber immer noch wahren.

Prädemokratische Strukturen in der brasilianischen Provinz

Die kleine, wirtschaftlich gleichwohl expandierende Stadt am Ufer des Amazonas wird, so beschreibt es Silvestre von einer Oberschicht regiert, in der Klerus, Wirtschaft und Politik eine unheilige Allianz eingingen und das Leben bis ins Klassenzimmer eines Zwölfjährigen hinein bestimmten. Inwieweit Silvestre bei den von ihm skizzierten prädemokratisch-menschenfeindlichen Strukturen Parallelen in die Gegenwart zieht, bleibt der Interpretation überlassen.

Für Eduardo, Paulo und Ubiratan jedenfalls sollen ihre Versuche, die Morde aufzuklären, nicht folgenlos bleiben. Immerhin merken sie schnell, das Opfer und Täter nicht immer so  leicht zu identifizieren sind, wie es in Büchern und Filmen scheint.

„Das Ende der Unschuld“, oft eher verstörend als unterhaltsam

„Das Ende der Unschuld“ ist ein ungewöhnlicher Kriminalroman. Silvestre fesselt weniger wegen einer spannend vorangetriebenen Kriminalgeschichte, sondern eher wegen der Abgründe einer rohen Gesellschaft, die er mit einer gnadenlosen Genauigkeit herausarbeitet. Oft eher verstörend als unterhaltsam (aber gerade deshalb auch lesenswert) zeigt der Brasilianer wie dünn der Firnis der Zivilisation wirklich ist, der die Bestie Mensch bändigt – und wie nahe die Zeiten noch sind, auf die insbesondere die verwöhnten Mitteleuropäer mit durch nur wenig Leistung gerechtfertigten Snobismus zurückblicken.

 

Tatort: Brasilien

Edney Silvestre hat seinen Roman in eine fiktive Stadt am Amazonas und überdies in die Vergangenheit verlegt. Viel über den Tatort selber, die Stadt erfährt man vordergründig nicht, aber über ein Land, dass sich mühsam Diktatoren und Oligarchen entledigen musste, so einiges. Insofern bietet „Der letzte Tag der Unschuld“ ein gerütteltes Maß an politischer Landeskunde. Bei zahlreichen Querverweisen und Rückblenden in Zeiten, in denen Folter und Mord Mittel der „politischen Willensbildung“ waren, verlangt Silvestre allerdings einiges Wissen um lateinamerikanische Geschichte. Wer sich darauf einlässt, kann aber seinen Horizont deutlich erweitern. Ein Krimi der das leistet, kann so schlecht nicht sein.

Edney Silvestre, Der letzte Tag der Unschuld, Limes, 345 S., 19,99€,
VÖ: 26. August 2013