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Gnadenlose Härte in Massimo Carlottos „Die Marseille-Connection“

Eine breite, tiefrote Spur zieht sich durch Marseille. Es ist eine blutige Spur, gelegt von einer zutiefst amoralischen Gesellschaft. Es ist nichts Neues, dass unter den bürgerlichen Fassaden der Metropolen Schattengesellschaften existieren. In der südfranzösischen Hafenstadt scheint der Firnis der Zivilisation, unter dem ein Abgrund von Gewalt und Verbrechen droht, besonders dünn. Genauer gesagt scheint die sogenannte bessere Gesellschaft von tiefen Rissen durchzogen. Das behauptet zumindest Massimo Carlotto in seinem neuesten Kriminalroman „Die Marseille Connection“.

Ein neuer Verbrechertypus in „DIe Marseille-Connection“

Der Italiener Carlotto hetzt in seinem düsteren Gesellschaftsentwurf verdorbene Charaktere unterschiedlichster Herkunft aufeinander. Da ist zunächst ein Bolivianer, der zuhause einen Bandenkrieg verlor und als Drogenkurier ins Exil gejagt wurde, dann spielt der einheimische Gangsterboss mit einem korsischen Netzwerk eine wichtige Rolle. Außerdem steht ein neuer Verbrechertyp im Zentrum der Erzählung, es sind vier junge Erfolgsmenschen, bestens ausgebildet und mit besten Aussichten auf die Zukunft, dennoch das perfekte Verbrechen planen  und – wie es grausamen Kindern nun mal oft zu eigen ist – die alte Generation überrollen wollen.

Eine Polizistin mit dubiosen Methoden

Zusätzlich mischen korrupte Lokalpolitiker und  auch der russische Geheimdienst im Spiel um Geld, Macht und Informationen im Marseiller „Nachtleben“ mit. Mittendrin befindet sich zudem noch die abgebrühte Polizistin Bernadette Bourdet, die selber nicht gerade eine Lichtgestalt ist.

Der Blick des Insektenforschers aus ein finsteres Biotop

Alle „Spieler“ in dem Szenario befinden sich auf einer sehr abschüssigen Straße Richtung Verdammnis, um mal ein emotionales Wort zu gebrauchen: Die große Emotion nämlich lässt Carlotto außen vor, er nähert sich seinen Protagonisten mit einem distanzierten Interesse, dem ein Botaniker dem Leben im Insektenbau folgt. Gerade diese gnadenlose Distanz in der Beschreibung macht „Die Marseille Connection“ so außerordentlich gut.

Grusel der härteren Gangart in „die Marseille-Connection“

Für Krimi-Leser, die sich über flächendeckende Hoffnungslosigkeit in der Literatur freuen, bietet Carlotto erzählerisch unendliche Weidegründe. Kein Hoffnungsstreif am Horizont stört die Auseinandersetzung mit dem Elend des menschlichen Daseins.  Man muss kein Misanthrop sein um das zu mögen. Gelegentlicher Grusel auch in der härteren Variante gehört zum Krimi einfach dazu. Wenn man etwas kritisieren möchte, könnte man den Ideenreichtum Carlottos nennen, vielleicht fasst er ein oder zwei Themen zu viel an, die jeweils für einen eigenen Roman Stoff genug böten.

Tatort: Marseille

Wenn man Massimo Carlotto glauben darf, gibt es in Marseille eigentlich kaum einen Menschen, der ehrlicher Arbeit nachgeht. Selbst die Immobilienmakler versuchen inmitten der Bandenkriege und krummen Geschäfte noch ihren Schnitt zu machen. Vermutlich ist das sehr ungerecht zu der Stadt an der Mittelmeerküste, aber der Verlockung, den Schmelztiegel zur Verbrechermetropole zu stilisieren, sind ja auch schon die Macher von „The French Connection“ erlegen. Im 21. Jahrhundert ist alles halt nur eine Nummer größer: Das Verbrechen, die Härte, die Stadt.

Massimo Carlotto, Die Marseille Connection, Tropen, 18,95€, VÖ: Oktober 2013