Jesper Stein bringt „Unruhe“ nach Kopenhagen

27 Nov

Manchmal sind die alten Ideen doch die Besten. Das gilt sogar für Figuren in Kriminalromanen. Axel Stehen jedenfalls hat viele Vorbilder. Er ist ein verbissener Cop, der mit seinen Ermittlungsmethoden und seiner gnadenlosen Hartnäckigkeit bei seinen Vorgesetzten aneckt und deshalb immer kurz vor dem Rauswurf steht. Natürlich hat ihn seine Frau verlassen, natürlich, das hat sich im 21. Jahrhundert den aktuellen gesellschaftlichen Bild im Vergleich zu den frühen Vertretern des Genres geändert, ist er dennoch ein treusorgender Vater, der seine Tochter viel zu selten sieht.
Der Däne Jesper Stein hat sich die Figur Axel Steen für „Unruhe“ erdacht. Und um es gleich zu sagen: Die Figur funktioniert – trotz oder vielleicht gerade wegen der mangelnden Originalität. Es macht außerordentlich viel Spaß dem Polizisten bei seinen Ermittlungen in Kopenhagen zu folgen.

Ein Mord am Rande von Demonstrationen in Kopenhagen

Steen ist, auch das gehört zum Image, vermutlich der einzige Cop von Kopenhagen, der in einem alternativen Wohnbezirk lebt. So ist er jedenfalls schnell zur Stelle, als bei Unruhen anlässlich der Räumung eines Jugendzentrums ein Toter gefunden wird. Mitten im Trubel der Demonstrationen hat ein Unbekannter auf einem Friedhofsgelände einen Mann ermordet.

Kommissar Steen stellt unbequeme Fragen

Der Fall erhält sehr schnell Brisanz. Das Opfer ist dem ersten Anschein nach ein Autonomer. Der Täter, auch dieser Verdacht steht im Raum, könnte aus den Reihen der Polizei stammen. Tatsächlich stößt Kommissar Steen bei seinen Ermittlungen auf zahlreiche Ungereimtheiten, auch bei seinen eigenen Kollegen. Keine Frage, dass sich der Polizist, der im übrigen von ständiger Todesangst und permanenten Sexträumen (das lass ich mal unkommentiert) geplagt wird, sich trotz zahlreicher Einschüchterungsversuche nicht abhalten lässt, unbequeme Fragen zu stellen. Fragen, deren Antworten tatsächlich auf einen mittelgroßen Polizeiskandal hindeuten.

Ein gelungenes Debüt von Jesper Stein

Jesper Stein, Journalist und Kriminalreporter, hat ein durchweg gelungenes Debüt hingelegt. „Unruhe“ ist schnörkellos und spannend erzählt, das Szenario düster, der Gesellschaftsentwurf angemessen pessimistisch. So gehört sich das für einen ordentlichen Krimi, zumal für einen der aus dem skandinavischen Raum kommt. Wer Serien mag, der sei darauf hingewiesen, dass der Band den Untertitel „Der erste Fall für Kommissar Steen“ trägt. Fortsetzung dürften also folgen.

Tatort: Kopenhagen

Das Kopenhagen von Axel Steen wird von Unruhen erschüttert, die alternative Szene begehrt gegen brutale Polizisten auf. Es kommt zu Straßenschlachten, in deren Schatten allerlei finstere Gestalten ihre kriminelle Energie ausleben. Das aus mitteleuropäischer Sicht eher beschauliche Kopenhagen wird hier zu düster-bedrohlichen Kulisse, dessen Straßen von Banden und Verbrechern kontrolliert werden. Das mag man kaum glauben, aber das funktioniert in „Unruhe“ außerordentlich prächtig. Wer also einen anderen, kälteren Blick auf die dänische Hauptstadt werfen will, sollte bei Jesper Stein auch aus bildungsbürgerlichen Aspekten nachlesen.
Jesper Stein, Unruhe, KiWi, 476S, 12,99€, VÖ: 7. November 2013

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