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Thomas Engers „Verleumdet“ bietet intelligent verwobene Handlungsstränge

Ein einziges Fax reicht aus, um eine Existenz zu zerstören. Insbesondere, wenn die betroffene Person im Scheinwerferlicht des offenen Interesses steht. In diesem Fall hat es irgendjemand auf die norwegische Justizministerin abgesehen. Diese soll, so schreibt es die anonyme Quelle, auf einem Parteitag einen Mitarbeiter sexuell missbraucht haben. Es beginnt das für unsere Mediengesellschaft typische Rennen um immer neue schmutzige Details im Leben der Politikerin.

Perfider Angriff auf eine Politikerin in Norwegen

Die Ministerin selber kann sich nicht verteidigen. Zwar ist an den Anschuldigungen gegen Trine Juul nichts dran, aber sie kann ihr Alibi aus sehr persönlichen Gründen nicht offenlegen – und so taucht sie erst einmal unter. Auch ihr Bruder Henning Juul kann sich zunächst erreichen. Spätestens jetzt könnte dem regelmäßigen Leser skandinavischer Krimis ein Name bekannt vorkommen.

Thomas Enger: „Verleumdet“

Henning Juul ist das Geschöpf des norwegischen Autors Thomas Enger, der seinen Online-Journalisten nach seinem Debüt in „Sterblich“ und „Vergiftet“ jetzt zum dritten Mal ermitteln lässt. „Verleumdet“ heißt, passend zum Schicksal der Justizministerin der zweite Band.

Mord im Altenheim

Eigentlich hat Henning Juul genug zu tun. In einem Altenheim wird eine greise Bewohnerin auf bestialische Weise ermordet und verstümmelt. Der findige Juul arbeitet sich schnell einen Wissensvorsprung heraus und geht damit sowohl Kollegen wie Polizisten gehörig auf die Nerven. So richtig kann sich Juul, obwohl rasch ein weiterer Mord geschieht, jedoch nicht auf den Fall konzentrieren. Er versucht natürlich seiner Schwester zu helfen und beschäftigt sich gleichzeitig noch mit seiner eigenen Vergangenheit. Sei Sohn kam vo Jahren bei einem Brand ums Leben, und der Journalist vermutet – vermutlich zu Recht – das hinter dem Brand mehr steckt, als die Ermittler ihm verrieten.

Thomas Enger schreibt Krimi und Familien-Drama zugleich

„Verleumdet“ macht vor allem wegen der verschiedenen, intelligent verwobenen Handlungsstränge und der damit verbundenen Perspektivwechsel Spaß. Thomas Enger schafft den Spagat, eine spannende Krimi-Handlung mit einer zunehmen an die Oberfläche drängenden Familien-Saga zu verbinden. Wer also die oft sehr persönlich werdenden skandinavischen Kriminalromane mag, der wird auch „Verleumdet“ als guten Krimi schätzen. Einen Schönheitsfehler gibt es, wenn man so will auch: Krimis werden heute, vermutlich wegen der Vermarktbarkeit und für die Umsetzung im Fernsehen (was ja beinahe dasselbe ist) zunehmend als Serien geschaffen. Das hat seinen Reiz, weil die Fortsetzung und die Beantwortung spannender Fragen wartet, das entwertet das Genre aber auch, weil die einzelnen Folgen wegen zunehmender Cliffhanger-Techniken ihre Eigenständigkeit verlieren.

Tatort:Norwegen

Schauplatz der Juul-Krimis ist Oslo, aber Thomas Enger lässt seine Protagonisten reisen. Interessanter als die Hauptstadt und ihre offenbar eher sterilen Vororte wird die Provinz. Dem Leben in den einsamen Hütten an Meer und in den Bergen widmet sich der Norweger jedenfalls mit deutlich mehr Liebe zum Detail. Auch das dürfte beim deutschen Leser mit seinem kaum zähmbaren Hang zur romantisierten Natur entgegenkommen.

Thomas Enger, Verleumdet, Blanvalet, 382S, 14,99€, VÖ: 11.November 2013

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