Christine Cazons „Mörderische Côte d’Azur“: Ästhetik der fünfziger Jahre

19 Feb

Es gibt, um das Fazit vorweg zu nehmen, zwei Möglichkeiten „Mörderische Côte d’Azur“ von Christine Cazon zu bewerten. Die erste, etwas einfachere Variante lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Ein solider, mäßig spannender, eher durchschnittlicher, aber insgesamt einigermaßen unterhaltsamer Krimi.

Pseudo-authentische Sprachfragmente bei Christine Cazon

Die zweite, offen gestanden einigermaßen ungnädige Einordnung, wäre mit einem knappen „unerträglich“ abgehandelt. Ein solch deutliches Urteil verlangt natürlich eine Begründung. Und die fällt in diesem Fall höchst subjektiv, wenn man so will in erster Linie Stilfragen betreffend, aus. Ich kann es einfach nicht leiden, wenn Romanfiguren zur Bekräftigung lokaler Zuordnung Dialektfetzen oder in diesem Fall Rudimente fremder Sprachen in den Mund gelegt werden. Tatsächlich aber wird in „Mörderische Côte d’Azur“ dem Leser nicht nur ständig „Bonjour-“ oder „Monsieur“ entgegengeschleudert, sondern immer wieder, in erratischen Abständen auch „n’est ce pas-“ oder „Ah-bon“. Fehlt eigentlich nur noch ein gelegentliches „Oh-la-la“, damit auch der Dümmste begreift: Dieser Krimi spielt in Cannes, und das liegt in Frankreich.

Ästhetischer Rücksturz in die fünfziger Jahre

Ich finde, Krimis müssen in erster Linie unterhalten. Insofern dürfen sie die Anforderung des Hochfeuilletons an permanenten sprachliche Innovation in der Literatur weitgehend ignorieren, aber ein ästhetischer Rücksturz in die fünfziger Jahre muss andererseits wirklich auch nicht sein. Letztlich ersetzen diese französischen Fragmente das genaue Hinschauen auf tatsächliche „exotische“ Eigenheiten anderer Kulturen. Insofern verschenkt „Mörderische Côte d’Azur“ permanent Steilvorlagen in den freien Krimi-Raum. Das Stilmittel des Sprachfragment erinnert vielmehr an Karl May und seine Beschreibungen von Regionen, die er nie gesehen hatet. Das passt zu ersten Spekulationen, dass es sich bei Christine Cazon, die laut Klappentext mit „Mann und zwei Katzen in Cannes lebt“ um ein Pseudonym handelt.

Ein Mord bei den Filmfestspielen in Cannes in „Mörderische Côte d’Azur“

Die Krimi-Idee ist dabei eigentlich nicht schlecht. Kommissar Léon Duval, der sich von Paris nach Cannes hat versetzen lassen, wird noch während seines eigenen Umzuges in den Festspielpalast gerufen. Mitten während einer Filmvorführung wird ein profilierter Regisseur erschossen.  Kommissar Duval, natürlich permanent „Monsieur le Commissaire“ genannt und sein Team begeben sich auf die Suche. Schnell stellen sie fest, dass der gefeierte Dokumentarfilmer gleich mehrere dunkle Flecken in seiner Vergangenheit hat. Duval nimmt sich noch Zeit, gleichzeitig mit seiner Ex-Frau zu schlafen und ausgiebig mit einer  jungen, schönen Journalistin zu flirten, bevor er den Täter überführt.

Tatort:Cannes

Französische Floskeln ersetzen den präzisen Blick. So könnte man die Beschreibung des  Tatort Cannes in „Mörderische Côte d’Azur“ kurz zusammenfassen. Man weiß nicht, wie gut sich die Autorin sich in der südfranzösischen Stadt auskennt, hat aber dauerhaft das Gefühl mit Stereotypen überhäuft zu werden. Ja, Stau. Ja, einfache kleine Restaurants mit sensationellem Essen. Ja, Touristen. Ja, schicke Yachten im Hafen vor der Promenade. Und ja, natürlich ein Irrsinn während der Filmefestspiele. Das hätte man aber offen gestanden alles auch ohne sich länger als der durchschnittliche frankophile Tourist in der Stadt aufzuhalten, herausgefunden – und aufschreiben können.

Christine Cazon, „Mörderische Côte d’Azur“, Kiwi, 331S., 9,99€, VÖ: Februar 2014

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