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Tote Hunde beißen nicht: Dietrich Faber unterhält mit dem Grauen der Provinz

Im ersten Moment ist man geneigt, sich über Henning Bröhmann lustig zu machen. Der Kerl ist aber auch wirklich eine sehr traurige Figur. Als Kommissar ist er bestenfalls Durchschnitt, wo andere heldenhaft ihre Gegenspieler mit messerscharfem Verstand oder wenigstens körperlicher Raffinesse außer Gefecht setzen, gibt Bröhmann Nicoles „Ein bisschen Frieden“ zum Besten, um einen Verbrecher abzulenken.  Auch im Privaten ist er eher überwiegend unbeholfen: Er wird  – obwohl längst jenseits der 40 – vom Vater dominiert und von allen anderen Familienmitgliedern untergebuttert, selbst die eigenen Kinder tolerieren den Mann bestenfalls.

Sind wir nicht alle ein wenig Bröhmann?

Man ist also versucht, den Mann als Witzfigur abzustempeln. Im selben Moment bricht sich allerdings die bittere Erkenntnis ihre Bahn: Sind wir nicht alle ein wenig Bröhmann? Daran liegt vielleicht die Kunst von Dietrich Faber, der dem traurigen Hessen Bröhmann mit „Tote Hunde beißen nicht“ mittlerweile seinen dritten  Krimi gewidmet hat.

Ein Krimi aus dem deutschen Nirgendwo

Dieser kleine Spiegel, der dem Leser in Form von Henning Bröhmann vorgehalten wird und die perfekte Beschreibung des Grauens der Provinz gehören zu  den größten Stärken des Kriminalromans. Der Autor selber lebt im hessischen Gießen – und wer glaubt, eine Steigerung des provinziellen von diesem Ort im deutschen Nirgendwo sei nicht möglich, folge Faber in den Nahe gelegenen Vogelbergkreis nach Alsfeld und Nidda. Auch hier finden sich vermutlich viele Leser, so sie nicht gerade in Berlin (die Hauptstadt-Bewohner bekommen im übrigen auch ihr Fett weg) oder im Ruhrgebiet leben, wieder.

„Tote Krimi beißen nicht“. Kaum ein Krimi, aber sehr unterhaltsam

So weit, so gut: Als Krimi ist „Tote Hunde beißen nicht“ allerdings eher eine Fehlbesetzung. Wenig Tempo, wenig Komplexität, kaum Geschwindigkeit. Dietrich Faber, der seit seinen frühen Anfängen als jugendlicher Musical-Direktor vor über 20 Jahren so etwas wie ein Allround-Entertainer ist, hat letztlich ein Kabarett-Programm mit anderen Mitteln geschaffen. Das macht sich durch die meist eher sehr einfache Sprache und zahlreichen mundartlichen Einsprengsel bemerkbar.

Dietrich Faber schreibt sein Buch wie ein Bühnenprogramm

„Tote Hunde beißen nicht“ ist von vorneherein als Bühnenprogramm konzipiert: Die Lesungen von Dietrich Faber sollen – und das scheint mehr als glaubhaft – außerordentlich gelungene Show-Ereignisse sein. Vermutlich sollte man die Romane aus der Bröhmann-Serie eher hören als lesen. Genau deshalb seien dem  Autoren die dialekt-deutsch aufgeschrieben Dialoge  nachgesehen, die sonst eine eher nervige Unart im Krimi sind, mit der recherchefaule Autoren, genaue Charakterzeichnung vortäuschen. Insgesamt ist dieses Buchgewordene Kabarettprogramm auch selbst gelesen sehr unterhaltsam, einfach, weil es streckenweise irre komisch, dabei aber nie oberflächlich ist

 Ein Mord in Berlin, ein Mörder aus Hessen?

Darum geht’s:  Henning Bröhmann fährt mit der gesamten Familie nach Berlin, der Vater will zu einer Beerdigung, die Tochter was erleben. Das geht nicht gut. Bereits auf der Beerdigung geschieht ein Mord. Es wäre verkehrt, zu schreiben, dass Bröhmann ermittelt, aber als Augenzeuge ist er mindestens verwickelt. Das verstärkt sich, als sein Vater zurück in Hessen spurlos verschwindet. Einige kleinere und größere Katastrophen – unter anderem sterben und Hund und Hundemörder –  später, wird der Fall gewissermaßen aufgeklärt, auch weil Bröhmann sich rechtzeitig an den Text von Nicoles Eurovisions-Song erinnert.

Tatort: Vogelsberg-Kreis

Eigentlich ist es nicht sehr Gefühlt liegen zwischen der Metropole am Main und den kleinen Gemeinden im hessischen Vogelsbergkreis Welten. Mindestens. Die Lichtjahre, die Bankenviertel und Butzenfenster trennen, beschreibt Dietrich Faber, weniger mit elegischen Landschaftsbildern, sondern eher durch eine ausgeklügelte Typologie. Seine Darsteller, ob nun in Haupt- oder Nebenrollen zeichnen ein perfektes Bild von der Provinz, die in hessischer Ausprägung gleich mehrere hässliche Gesichter zeigt, so fruchtbar und schön die Landschaft dieses alten deutschen Kulturraumes auch sein mag. Der Verlag hat dem Buch den Untertitel „Der Tod ist ein Hesse“ mitgegeben, Dietrich Faber zeigt, „Hessen lebt.“ Man weiß jetzt wirklich nicht, was schlimmer ist.

Dietrich Faber, Tote Hunde beißen nicht, Rowohlt-Polaris, 287S., 14,99€,  VÖ: Februar 2014

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