Arno Strobels Das Rachespiel: Bewältigungslektüre für Klaustrophobiker

25 Mrz

Ein Relikt aus dem Kalten Krieg spielt die Hauptrolle. Bei Arno Strobels „Das Rachespiel“ steht das unterirdische Monstrum aus Beton jedenfalls eindeutig im Mittelpunkt, und er verhält sich angemessen gruselig. In ihm ist es dunkel, es ist kalt, er hat allerlei verwirrende Gänge, Treppen und Räume – und er ist hermetisch verriegelt. Das wird vor allem für vier Menschen, die als Kinder eine Bande, eine Gang, wie man heute wohl so sagt, bildeten und seit her keinen Kontakt hatten, zum Problem.

Perfide Schnitzeljagd im Atombunker

Ein Unbekannter lockt die vier mit einer relativ unverhohlenen Drohung, ihre Familien umzubringen, in den besagten Bunker und sperrt die sie in der unterirdischen Anlage ein. Zwei haben die Chancen, so verkündet der Täter per Lautsprecherdurchsage und Video, in einer perfiden Schnitzeljagd, sich und ihre Angehörigen zu retten.

Arno Strobel erzählt den Alptraum des Biederbürgers

Es ist relativ früh klar, dass das nicht gut ausgehen kann – und wird. Natürlich gehen sich die vier schnell an die Gurgel, metaphorisch und direkt. Arno Strobel erzählt den Alptraum des Biederbürgers aus der Sicht von Frank Geissler, einem erfolgreichen Software-Entwickler aus der Provinz. Geissler, verheirateter Vater einer halbwüchsigen Tochter war als Jugendlicher Anführer der Kinder, die sich als Bande zusammen schlossen. Gemeinsam haben sie, das quält alle gleichermaßen seit ihrer Jugendzeit möglicherweise einen geistig zurückgebliebenen Jungen auf dem Gewissen. So ganz genau wissen sie das nicht, weil nach einem Streich, zu dem sie den Jungen anstifteten, die Leiche nie gefunden wurde. Insofern müssen sie fürchten, dass ihr Opfer jetzt als Rächer über sie gekommen ist.

„Das Rachespiel“ stellt Herausforderungen an die Glaubwürdigkeits-Toleranz

„Das Rachespiel“ ist vermutlich die perfekte Bewältigungslektüre für Klaustrophobiker. Arno Strobel erzählt seine Geschichte routiniert und mit allen handwerklichen Mitteln, die zu einem düsteren Thriller dazugehören. Dennoch wirkt das Ergebnis eher zwiespältig. Der Leser muss jede Menge Fragen zur Plausibilität beiseite schieben, um sich auf das Szenario einlassen zu können. Ein guter Krimi ist halt trotz der unwahrscheinlichsten Grausamkeiten, die die Menschen in der Kriminalliteratur begehen, immer glaubwürdig. Und da hapert es bei Arno Strobel. Es geht in „Das Rachespiel in etwa so voran wie in einem dieser Hollywood-Horrorfilme, bei denen eine dusselige Hauptdarstellerin wider jedes bessere Wissen doch die falsche Tür aufmacht, um das Monster freizulassen. Darauf kann man sich einlassen, darauf muss man sich aber auch einlassen wollen, um den „Thrill“ genießen zu können.

Als Gegenpol für gut gelaunte Urlauber gut geeignet

Überdies ist das Szenario den Rahmenbedingungen geschuldet nicht so komplex, dass der Leser über einen längeren Zeitraum wirklich im Unklaren über den Ausgang des Geschehens beziehungsweise den Täter gelassen wird. Das kann natürlich auch Absicht des Autors sein, das Vergnügen am Spannungsbogen leidet. Insgesamt ist „Das Rachespiel“ von Arno Strobel vielleicht ein guter Krimi für die Urlaubszeit, ein literarischer Gegenpol zu durch Sonne, Strand und Freizeit ausgelösten Glücksgefühlen.

Tatort:Eifel

„Das Rachespiel“ ist ein Kammerspiel mit anderen Mitteln. Man erfährt, dass der Atombunker, in dem sich die Protagonisten eine Nacht über belauern, in der Eifel steht. Wo der Bunker genau steht, bleibt offen, ist natürlich aber auch nicht wichtig. Alles Wichtige, was es über die Eifel zu wissen gibt, besteht vielleicht genau darin: Auch 25 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges stehen dort, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, noch Atombunker herum, die sich als Schauplatz für ein Verbrechen eignen.

Arno Strobel, Das Rachespiel, Fischer, 337S., 9,99€

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