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„Die Frau, die nie fror“ von Elisabeth Elo nutzt den Nordatlantik als Tatort

Es gibt Unwahrscheinliches und es gibt Unwahrscheinlichkeiten. Dass eine junge Frau es überlebt, vier Stunden im sechs Grad Celsius kaltem Atlantik zu treiben, gilt als medizinisch eigentlich unmöglich und ist gerade deshalb eine großartige Idee für einen Krimi. Um nachvollziehen zu können, wie diese junge Frau überhaupt in die missliche Lage im Atlantik geriet, bedarf es einer eher toleranteren Phantasie: Pirio Kasparow, Tochter eines russischen Immigranten, ist Mitinhaberin eines Parfum-Herstellers und aus einer Laune heraus einmal bei einem Freund auf dessen Fischtrawler mit auf die Hohe See gefahren. Gleich am ersten Tag werden sie dabei von einem Schiff gerammt, das ohne Hilfe zu leisten im Nebel verschwindet.

„Die Frau, die nie fror“, ein außergewöhnlicher Kriminalroman

Das klingt doch höchst unglaubwürdig, ist aber Ausgangspunkt für einen außergewöhnlichen Krimi. „Die Frau, die nie fror“ ist das Debüt der  US-Amerikanerin Elisabeth Elo. Seine Faszination entwickelt der Kriminalroman in erster Linie durch die Hauptdarstellerin, um die sich die Handlung immer wilder entwickelt, die sich als wahrhaft interessanter Charakter präsentiert. Überhaupt ist die Figurenzeichnung eine Stärke der Autorin, die dabei allerdings immer wieder auf Wahrscheinlichkeiten pfeift, wenn ihr eine Konstruktion interessant erscheint. Wer das als Leser hinnehmen mag, der wird mit der „Frau, die nie fror“ viel Spaß haben.

Eine hartnäckige Laienermittlerin

Elizabeth Elo hat ihre Protagonisten nämlich nicht nur mit einer außergewöhnlichen Kälte-Unempfindlichkeit, die nebenbei Öffentlichkeit und Militär gleichermaßen – wenn auch aus unterschiedlichen Motiven – interessiert, ausgestattet, sondern ihr auch noch eine unnachgiebige Hartnäckigkeit auf den Leib geschrieben: Diese Eigenschaft, die schon seit Jahrzehnten interessante Kommissare und Privatdetektive auszeichnet, schmückt auch eine Laienermittlerin.

Verbrechen und Familiengeheimnisse

Jedenfalls will sich Pirio Kasparow nach dem unfreiwilligen Bad im Atlantik, das ihr Freund nicht überlebte, nicht mit der schnell gefundenen Erklärung, nach der die beiden Opfer eines Unfalls wurden, abfinden und beginnt Fragen zu stellen. Dabei stößt sie schnell auf eine merkwürdige Mauer des Schweigens: Die jedoch spornt Kasparow eher an.  Ganz nebenbei klärt die junge Frau noch das Geheimnis eines verloren gegangenen Parfums, ein Stück Familiengeschichte und einen Umweltskandal auf.

Elisabeth Elo lässt ihre Leser an vielen hübschen Ideen Teil haben

„Die Frau, die nie fror“ ist ein überaus unterhaltsames Stück Kriminalliteratur, weil die Autorin viele schöne und ungewöhnliche Ideen hat, an denen sie ihre Leser teilhaben lässt. Die gelegentlich zu präzise geratenen Schilderungen der Outfits der Beteiligten deutet allerdings darauf hin, dass sich „Die Frau , die nie fror“ möglicherweise eher an eine weibliche Leserschaft richtet. Aber mit zwei oder drei entschlossenen Diagonal-Blicksprüngen über die entsprechenden Passagen wird auch der männliche; modischen Fragen gegenüber eher gleichgültige Leser sein Vergnügen bewahren.

 

Tatort:Neu-England

Elisabeth Elo schickt ihre Protagonistin auf Reisen. Einen konkreten Tatort gibt es, jenseits der Weiten des Nordatlantiks also nicht. Pirio Kasparow lebt in Boston, aber eigentlich fängt die Autorin eher die Atmosphäre der vielen Hafenstädte der Neu-England-Staaten ein. Die Grundstimmung ist eher provinziell-bodenständig als glamourös-metropol. Das passt aber perfekt zum Thema und löst beim Lesen ganz gegensätzliche Stimmungen aus. Der Kriminalroman hat etwas – im positiven Sinne – heimeliges und fremdartig-exotisches zugleich. Und das ist ja auch schon wieder beinahe große Kunst.

Elisabeth Elo, Die Frau, die nie fror, Ullstein, 505 S., 19,99€, VÖ: März 2014

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