Till Raethers Treibland, zwiespältig und doch empfehlenswert

10 Apr

Till Raether hat Urlaub gemacht. Genauer gesagt hatte er sich zu einer gemeinsamen Kreuzfahrt mit seinem Vater überreden lassen. Offenbar geriet der Trip zur Grenzerfahrung, sodass er das Bedürfnis hatte, aus seinen Erfahrungen einen Kriminalroman zu entwickeln. Das Ergebnis ist zwiespältig – und das liegt an den Erlebnissen, die der Mann an Bord hatte. „Trotz Animation und gelegentlich vorbeiziehenden Landschaften schmort man doch ganz schön im eigenen Saft. Und hat vielleicht zu viel Zeit, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen“, schreibt Raether im Nachwort zu „Treibland“. Es herrsche eine besondere Atmosphäre von Verunsicherung und Apathie. An Bord sei man fremdbestimmt und „manchmal nimmt einem das dem Atem“.

Mord an Bord eines Kreuzfahrtschiffes

Grundsätzlich kann man Raether dankbar sein, dass er sich den merkwürdigen Erfahrungen aussetzte. Das bracht ihn immerhin auf die Idee zu „Treibland“. An Bord eines Kreuzfahrtschiffes stirbt unter mysteriösen Umständen ein Urlauber. Schnell wird klar, dass dieser Opfer eines besonders bösartigen Virus der Ebola-Klasse wurde. Das Schiff wird in Hamburg unter Quarantäne gestellt. Theoretisch darf niemand an oder von Bord. Auch nicht, als offensichtlich wird, dass der Mann Opfer eines Mordanschlages wird.

Ein Kommissar, der am Leben leidet

Till Raether hat hier eine wirklich interessante Kulisse für einen Kriminalroman gebastelt, in die er zudem doch sehr interessante Figuren aufstellt. Hauptkommissar Danowski beispielsweise ist ein besonders schwerer Fall, an sich und dem Leben leidend fristet der Exil-Berliner ein eher tristes Dasein in einer besonders unbedeutenden Abteilung der Polizei: Eigentlich soll er nur Akten von Todesfällen, bei denen die Polizei nicht mehr an ein Tötungsdelikt glaubt, abarbeiten. So landet auch die Akte des Unternehmers Carsten Lörsch auf seinem Schreibtisch. Mit einem Eifer, der ihn selber überrascht, geht er der Sache nach  – und löst am Ende nicht nur einen Mord, sondern ein weitreichendes Verbrechen.

Tell Raether lockt in „Treibland“ mit lakonischem Humor

Diesen Teil von „Treibland“ kann man wirklich gelungen nennen. Raether schreibt klar und unterhaltsam, seine Figurenzeichnung und die Dialoge stechen durch seinem lakonischen Humor über den Krimi-Durchschnitt hinaus. Viele hübsche Ideen auf Nebengleisen sorgen zudem  für Spannung und fesselnde Abwechslung.

Passagen, die man nur mit Schnellblättern übersteht

Leider bricht das hohe Niveau in der zweiten Hälfte für einen längeren Moment weg. Und das liegt ausgerechnet an der Idee, die Till Raether zu „Treibland“ brachte. Ungefähr nach der Hälfte der Seiten wird Hauptkommissar Danowski nämlich selber Gefangener auf der „Großen Freiheit“ wie das Kreuzfahrtschiff sinnigerweise heißt. Raether erliegt der Versuchung, diese fremdbestimmte Mischung aus Lethargie und Aggression, die er während seiner eigenen Kreuzfahrt machte, im Detail wiederzugeben. Und das ist leider langweilig. Ich konnte mich über viele Passagen nur mit Schnellblättern und Diagonallesen hinwegretten. Es gibt Dinge, die muss man wohl selber erlebt haben, um sie wirklich verstehen zu können – und Kreuzfahrten stehen bei mir noch lange nicht auf der Liste. Zwar nimmt „Treibland“ pünktlich zu einem spannenden Finale wieder Fahrt auf, aber der Schaden ist angerichtet.

Die perfekte Mischung aus Liebe und Herablassung

Ich persönlich würde, wenn ich gefragt würde, „Treibland“ dennoch als Krimi empfehlen, einfach weil ich die Sprache von Till Raether mag. Er umhüllt seine Figuren mit der perfekten Mischung aus Liebe und Herablassung, die auch scheinbar nebensächliche Dialoge zu eleganten Florettgefechten werden lässt.

 

Tatort: Hamburg

Der Leser wird Hamburg wiedererkennen, wenn er Treibland liest, auch wenn die Handlung im Prinzip in erster Linie auf dem Kreuzfahrtschiff und den Anlegern davor spielt. Die architektonischen Absonderlichkeiten, die sich in der Hafen-City breitmachen, handelt Raether nur in Nebensätzen, aber sehr treffend ab. Insofern ist, und dafür ist man ja immer dankbar, „Treibland“ kein Hamburg-Krimi, sondern ein Krimi, der zufällig in Hamburg spielt und der Hansestadt gerade soviel Aufmerksamkeit zukommen lässt, wie sie als Krimi-Tatort verdient.

Till Raether, Treibland, Rowohlt-Polaris, 495S., 14,99€, VÖ: März 2014

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