Lee Child schickt Jack Reacher und sein Faustrecht ins Wespennest

18 Mai

Wirklich vorstellen muss man Jack Reacher ja nicht mehr. Er ist eher mit 1,95 Metern eher einigermaßen groß gewachsen, verfügt auch deshalb über eine gewisse körperliche Präsenz, die aber vor allem deshalb deutlich wird, weil er Konflikte meist schnell und sehr handgreiflich löst. Reacher variiert immer wieder aus Neue die Phrase „erst schießen, dann fragen“.  Der ehemalige Militärpolizist ist zudem immer unterwegs, seit nunmehr 15 Bänden zieht er ziellos durch die USA, immer auf dem Weg irgendwohin. Meist trifft er in ausgemachten Drecksnestern erstens auf hilflose Frauen, die klassische „Damsell in Distress“ und zweitens auf finstere Gesellen, die irgendeine Verschwörung vorantreiben.

Jack Reacher hilft mal wieder einer „Damsell in Distress“

Auch in „Wespennest“ setzt Lee Child, der Erfinder von Reacher, wieder auf das Thema. Diesmal verschlägt es den Militärpolizisten in ein Kaff in Nebraska, das fest in den Händen einer miesen Familie scheint. Jack Reacher, der nichts von weltlichem Besitz hält und deshalb meist per Anhalter unterwegs ist, wird in der Bar eines Motels Zeuge, wie sich der Dorfarzt weigert, eine Frau zu behandeln. Natürlich mischt der Mann sich ein, fährt den Doktor zu seiner Patientin, die, wie könnte es anders sein, von ihrem Ehemann geschlagen wird. Und natürlich ist die Frau mit einem der Clan-Mitglieder, die die Stadt terrorisieren, verheiratet.

Zustände wie im Chicago Al Capones

Da Reachers Auftauchen den Alltag in dem Kaff durcheinanderbringt, geraten die Geschäfte des Clans ins Stocken. Das wiederum ruft nicht nur die drei Brüder, sondern auch die Geschäftspartner in Las Vegas auf den Plan – gleich eine ganze Reihe von Angehörigen verschiedener Verbrecherbanden. Sie alle schicken Abgesandte nach Nebraska, wo es bald zugeht wie im Chicago der 30er Jahre, mit sehr bleihaltiger Luft. Jack Reacher sieht sich also einer erdrückenden Übermacht gegenüber. Es hilft ein wenig, dass jede der beteiligten Parteien, eigene Vorstellungen vom Ausgang der Ereignisse hat.

Lee Childs „Wespennest“, ein Fest für Reacherfans

Es dürfte kaum überraschen, schließlich kennen wir Jack Reacher mittlerweile, dass sich am Ende seine Version von Recht und Ordnung durchsetzt und er am Ende einsam in die Dunkelheit reitet (naja, er reitet natürlich nicht wirklich). Dass das trotz des bekannten Schemas diesmal wieder Spaß macht, liegt an den immer neuen kleineren Variationen, die Lee Child, der ja immer mit hohem Tempo und präzise schreibt, in den neuesten Fall einbaut. Bösewichte, Nebenfiguren und vor allem die Tristesse des Schauplatzes sind außerordentlich gut gelungen. Insofern ist „Wespennest“ zumindest für alle überzeugten Jack-Reacher-Fans, die sich mit seiner speziellen (Faust-)Rechtsauslegung anfreunden können, wieder ein Fest.

Tatort: Nebraska

Lee Child denkt sich für seine Jack-Reacher-Orte immer wieder fiktive Provinznester aus, die ganz weit von den Metropolen tief im Unterbauch der Vereinigten Staaten liegen. So ist es auch diesmal. Mitten in Nebraska liegt der kleine Ort, in den es Jack Reacher verschlägt, eigentlich ist es nur eine Ansammlung von Farmhäusern im ewigen Einerlei nicht enden wollender Acker. Im Zentrum dieser Scheinstadt liegt als gesellschaftliches Zentrum ausgerechnet ein Motel. Wichtig ist eigentlich nur die Weite Nebraskas, in der es über Meilen hinweg keine Erhebung, also auch kein Versteck gibt. Die ganze Ödnis beschreibt Child sehr gekonnt. Man meint beim Lesen von Wespennest förmlich, Bruce Springsteen im Hintergrund singen zu hören. Obwohl das Land weit ist und keine Hindernisse im Weg liegen, wird es gerade deshalb zum Gefängnis, für die Menschen, die dort leben, aber eben auch für „Besucher“ wie Jack Reacher. Das macht einen großen Teil der Qualität von „Wespennest“ aus.

Lee Child, Wespennest, Blanvalet, 446S., 19,99€  VÖ: 29. April 2014

Autor: