Film Noir, ein Familienalbum für Krimi-Liebhaber und Cineasten

4 Jul
Sam Spade in "Der Malteser Falke". Ein früher Klassiker des Film Noir (C) Taschen/Independent Visions

Humphrey Bogart als Sam Spade in „Der Malteser Falke“. Ein früher Klassiker des Film Noir (C) Taschen/Independent Visions

Wer es schafft, einigermaßen unfallfrei älter zu werden, lässt auf dem Weg eine ganze Menge zurück, gute alte Freunde beispielsweise. Man verliert sich aus den Augen, hätte sich vermutlich nicht mehr viel zu sagen, weil man sich – in welche Richtung auch immer – entwickelt hat und bleibt doch Jahrzehnte lang von den Begegnungen aus der Jugendzeit geprägt.

Coole Vorbilder und schöne Frauen

Meistens sind diese guten, alten und enorm wichtigen Freunde reale Menschen. Bisweilen geht es auch, und ich empfinde das durchaus als Gewinn, um fiktive Charaktere. Philip Marlowe ist so eine Figur, brillant verkörpert durch Humphrey Bogart in „The Big Sleep“. Die literarische Vorlage von Raymond Chandler gehört bis heute zu den Klassikern der Kriminalliteratur, das gleiche gilt für die Verfilmung von Howard Hawks, auch wenn die Filmtechnik der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mittlerweile völlig antiquiert wirkt. Aber so cool, so hart und zynisch und so verletzlich wie Marlowe, ist heute kaum ein Filmfigur. Die vergeblichen Versuche, in einer dreckigen, verdorbenen Weg sauber und anständig zu bleiben, jedenfalls, hatten für jeden heranwachsenden Kinogänger und Krimi-Leser etwas Magisches und höchstes Sehnsuchtspotential: Einmal so cool sein wie Bogart, einmal einer Frau wie Lauren Bacall begegnen.

Bogart, Stewart, Welles, Stanwyck, Bacall und all die anderen

Jetzt gibt es ein Wiedersehen mit diesen Helden einer längst vergangenen Jugend. Der Taschen-Verlag hat den Bildband „Film Noir“ herausgebracht. Der massive Band, der mindestens ein Kilo auf die Waage bringt, stellt für alle Anhänger des düsteren Kriminalfilms eine Art Familienalbum dar. Ich jedenfalls bin auf viele gute alte „Bekannte“ getroffen. „Rebecca“ gehört dazu, „Die Spur des Falken“ selbstverständlich (und ebenso selbstverständlich wieder mit Humphrey Bogart), „Frau ohne Gewissen“, „Der dritte Mann“, „Das Fenster zum Hof“, aber auch „Diva“, „Pulp Fiction“, L.A. Confidential“ oder „The Dark Knight“ als Vertreter jüngerer Hollywood-Produktionen.

Klassiker der gesamten Filmgeschichte

Die Auswahl der Filme zeigt schon, dass das Genre des Film Noir nicht leicht zu fassen ist. Ursprünglich meinte die Filmkritik jenes düstere Gesellschaftsbild, das im und nach dem 2. Weltkrieg in den USA in vielen Filmen als Gegengewicht zu den Durchhalteparolen der Propaganda-Filme gezeichnet wurde. Das Kompendium, das Paul Duncan und Jürgen Miller als „Film Noir“ herausgegeben haben, wirft ein sehr weites Lasso und fängt Klassiker der gesamten Filmgeschichte ein. Zum Film Noir zählt nach dem Willen der Herausgeber als ältester Vertreter „Das Kabinett des Dr. Caligari“ von 1920 und als jüngstes Mitglied der Familie „Drive“ von 2011. Das Dilemma, sich mit strengen Filmwissenschaftlern und ihren Kategorisierungen auseinandersetzen zu müssen, lösen die Herausgeber elegant, in dem Sie ihrem Buch den Untertitel „100 All Time Favorites“ mitgegeben haben. Und über (persönliche) Favoriten kann man ja ohne Ende ergebnislos streiten.

Ein Buch mit hohem „weißt-du-noch-Effekt“

Selbstverständlich begründen Herausgeber ihre Auswahl in kurzen, klugen Einlassungen zu den verschiedenen Epochen: Das größte Vergnügen, das „Film Noir“ dem Leser beschert, ist aber jener Familienalbum-Effekt. Filmplakate, aber vor allem Fotos von Film-Szenen lösen auf fast allen Seiten diesen „weißt-du-noch-Effekt“ aus, weil man Szenen, die man möglicherweise vor 30 oder mehr Jahren das letzte Mal gesehen hat, wiedererkennt. Wem dieses Gefühl des Wiedererkennens fehlt, weil er zu jung oder in Sachen Film spät Berufener ist, dem liefern die Autoren alle wichtigen Informationen, zu Inhalt, Entstehungsgeschichte, Machern&Darstellern und sonstigen „bunten“ Fakten.
Wegen des hohen Wiedererkennungswerts ist „Film Noir“, dem Genre, das es behandelt, widersprechend, ein zutiefst sentimentales Werk. Und davon kann es, da die Welt viel zynischer geworden ist, als sich Filmemacher das einst erdacht haben, eigentlich nie genug geben.
Paul Duncan/Jürgen Müller: Film Noir, Taschen, 688 S., 39,99€

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