Solide inszenierte Spannung in Ilja Albrechts „Sibirischer Wind“

4 Aug

Kriminalromane mit massiven Glaubwürdigkeitsdefiziten haben meistens ein Problem – zumindest bei mir. So gesehen hat „Sibirischer Wind“ von Ilja Albrecht vom Start weg grundsätzlich einen schweren Stand. Auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer mischen – so will es der Autor – noch KGB-Spione und andere russische Finsterlinge das Geschehen in Berlin im Allgemeinen und den gesamten Handel mit dem ehemaligen Ostblock auf. Das alles natürlich mit Wissen und Billigung der unterschiedlichsten Regierungsstellen.

Ein Häuflein Aufrechter im Kampf gegen das Böse

Natürlich gibt es bei der Polizei kleines Häufchen Aufrechter, das dagegen vorgeht. Kommissare rund um den Profiler und Aikido-Superkämpfer Kiran Mendelsohn  lassen sich nach dem Mord an einem Wirtschaftskapitän auch von Profi-Killern (die, wenn man mitrechnet, sich langsam dem Rentner-Alter annähern müssten) nicht von der Suche nach der Wahrheit abhalten.

Ein gelungenes Debüt von Ilja Albrecht

Das klingt jetzt sehr negativ? Ist aber gar nicht so gemeint. Es ist nur wichtig, die Grundlagen zu kennen, wenn man sich auf einen Krimi einlässt. Trotz einiger Merkwürdigkeiten ist das Debüt von Ilja Albrecht überraschend gut. Wer sich auf das unwirkliche Szenario, das er zu Beginn aufbaut, einlässt, die Kommissare, die einerseits vollkommen unglaubwürdig und dennoch irgendwie liebenswert sind, wird mit einem sehr soliden, wendungsreichen und zum Finale immer spannender werdenden Kriminalroman belohnt.

„Sibirischer Wind“ folgt dem Muster amerikanischer Thriller-Autoren

Letztlich folgt Albrecht ja nur dem Muster amerikanischer Erfolgsautoren, die für ihre Thriller ja auch die abenteuerlichsten Plots zusammendichten, damit aber ungemein erfolgreich sind, weil sie alle Zutaten zusammenbringen, die eine fesselnde Freizeitlektüre ausmachen: Interessante Ermittler mit Ecken und Kanten, aber auch einem klaren Werte-Koordinaten, einen oder mehrere finstere Schurken mit Tiefgang, eine unglaubliche Skandalgeschichte und den ewigwährenden Kampf das David-artigen „Guten“ gegen das Goliatheske „Böse“. Und natürlich gehört zu so einem Krimi eine ordentliche Verschwörungstheorie von Weltenbrandartigem Ausmaß dazu – und damit packen Autoren mich immer wieder. Und ja, ich weiß, dass das meinem Eingangssatz zur Glaubwürdigkeit im Kriminalroman widerspricht. So ist das halt im Leben: Es gibt viele Wege zum Lesevergnügen, manche führen über intellektuell verschlungene Pfade, manche über außergewöhnlich schöne Sprache, andere über versponnene Ideen und wieder andere über solide inszenierte Spannung.

Brutaler Mord an einem Wirtschaftslenker am Wannsee

Um kurz einmal auf die sachliche Ebene zurückzukehren: Am Berliner Wannsee wird eines schönen Tages die Leiche eines 72-Jährigen Industriemagnaten gefunden, nach dem dieser brutal hingerichtet wurde. Die BKA-Polizisten Bolko Blohm und bereits erwähnter Kiran Mendelsohn leiten eine kleine Gruppe von Polizisten, die bei ihren Ermittlungen mitten in die Machenschaften diverser russischer krimineller Organisationen geführt werden: Dass dem Team von den verschiedensten Seiten Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, macht die Mörderseite nicht gerade einfacher.

Gelegentlich merkwürdig, aber ungemein unterhaltsam

Wer sich also von einem zu Beginn latent anachronistischen Plot (ganz aktuell ist man ja mal wieder geneigt, „dem Russen“ alles Mögliche an Machenschaften zuzutrauen) nicht abschrecken lässt, wird einen Krimi lesen, der von Seite zu Seite an Fahrt aufnimmt und zum Schluss als zwar etwas merkwürdig aber ungemein unterhaltsam in Erinnerung bleibt.

 

Tatort:Berlin

Berlin, mal wieder. Die Hauptstadt ist ein beliebter Krimi-Tatort. Und beinahe zwingend, wenn es um die ganz große Politik geht. Das Berlin von Ilja Albrecht ist jedoch ein ganz und gar artifizielles, so wie es immer wieder entsteht, wenn Berlin-Theoretiker sich die Hauptstadt für ihre Bücher aussuchen. Wirklich viel Ortskenntnis oder glaubhaftes Lokalkolorit bringt der in Frankfurt geborene Autor, der auf Malta lebt, auf seinen Seiten nicht unter. Das macht natürlich überhaupt nichts: Die Stadt ist groß genug, um jede Autorenfantasie in an irgendeiner Stelle der Stadt wahr erscheinen lassen zu können. Mangelnde Genauigkeit nervt dann allerhöchstens Eingeborene und Langzeit-Berliner.

Ilja Albrecht: Sibirischer Wind, Blanvalet, 318S., 8,99€, VÖ: 17. Juni 2014

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