Welter&Gantenberg, Krimi-Serientäter aus dem Sauerland: „Lang sind die Schatten“

7 Aug

Auf ins Sauerland. Schon wieder. Mitten im deutschen Niemandsland passiert die zweite Mordserie innerhalb von einem Jahr. „Schuld daran“ ist das Autoren-Duo Oliver Welter und Michael Gantenberg: Jedenfalls haben die beiden einen neuen Krimi geschrieben.

Eine Leiche beim Stock-Car-Rennen im Sauerland

In „Lang sind die Schatten“ muss die Kommissarin Inka Luhmann den Mord an einem Provinzmafiosi mit südosteuropäischen Wurzeln aufklären. Irgendjemand hat seine Leiche ausgerechnet in dem Kofferraum eines Stock-Car-Racing-Autos deponiert. Kurz vor der Zieleinfahrt landet die Leiche jedenfalls auf der Strecke und die wackere Kommissarin muss sich erst durch den Staub und dann durch jede Menge Lokalschlamm kämpfen. Dabei wird ihr auch ihr Ehemann, der ehemalige Polizist, der sich fürs Hausmann-Dasein entschieden hat, verdächtig. Es bedarf eigentlich keiner besonderen Erwähnung, dass noch ein weiterer Mord passiert. Die Polizistin Luhmann und ihr Team geraten also einmal mehr gewaltig unter Druck.

Welter&Gantenberg verbreiten wieder Wohlfühlatmosphäre im Krimi

Der Erstling „Kalt geht der Wind“ war eigentlich ganz gut gelungen. Welter/Gantenberg hatten, so hatte ich das vor einem Jahr empfunden, einen unterhaltsamen, leichten Regionalkrimi geschrieben. Das gleiche gilt im Prinzip auch für „Lang sind die Schatten“. Das Autorenduo schreibt handwerklich auf hohem Niveau, und die beiden vermitteln Genre zum Trotz eine ausgesprochene Wohlfühlatmosphäre. Sie schaffen also so etwas wie den Familienroman unter den Krimis.

Süße Kinder, ein tapsiger Hund und ein schusseliger Ehemann

Beispiele? Es gibt zwei süße Kinder, einen wuscheligen, leicht tapsigen Hund und einen mindestens genau so tapsigen Ehemann, der mit ständig blitzenden Augen, durchtrainiertem Körper und ebenfalls wuscheligem Fell durch die Gegend läuft, und der natürlich eher latent permanent überfordert, aber gerade deshalb auch so niedlich sympathisch ist (So stellt, diese Klammer sei erlaubt, geschlechterübergreifend in diesen Jahren interessanterweise das Männerbild im deutschen Krim dar: Der Mann ist wahlweise abgrundtief böse oder weitgehend doof.)

„Lang sind die Schatten“ ein im wahrsten Sinne des Wortes „netter“ Krimi

Die Stärke der permanenten Sympathie ist natürlich gleichzeitig die Schwäche von „Lang sind die Schatten“. Die Regionalkrimis aus dem Sauerland sind nett – und das ist ja seit gefühlten zehn Jahren das vernichtendste Urteil der jungen Generation (wirklich nur für die älteren Leser „.. ist die kleine Schwester von Scheiße“) So schlimm ist es natürlich nicht, es ist ein im wahrsten Sinne des Wortes „netter“ Krimi. Schließlich ist das ganze handwerklich sehr gut gemacht. Immer wieder blitzt auch eine verschmitzte Intelligenz durch. Dennoch bleibt in der zweiten Folge durch den hohen Wiedererkennungswert nach dem Lesen das Gefühl zurück, einerseits eine gute Zeit verbracht, aber andererseits auch Zeit vertändelt zu haben. Für Freunde sprachlich innovativer, düsterer, politisch relevanter Krimi könnte „Lang sind die Schatten“ also ein Lese-Risiko darstellen. Alle, die gut gemachte, solide und spannende Unterhaltung suchen, finden Lesevergnügen.

Tatort: Sauerland

Eigentlich sage ich an dieser Stelle immer etwas über die Orte, an denen die Krimis, die ich vorstelle, spielen. Aber zwei Mal innerhalb eines Jahres über das Sauerland zu sagen, ist dann doch etwas viel verlangt. Deshalb hier ausnahmsweise mal die Kopie dessen, was ich im ersten Band geschrieben habe. Es bleibt gültig…

„Dass in „Kalt geht der Wind“ tatsächlich noch Schützenkönige und die dazugehörigen Vereine auftreten, sagt eigentlich alles über das Sauerland, das mitten in einem der dichtest besiedelten Länder Europas abgeschieden und menschenleer wirkt. Die Stimmung kilometerlanger, sich leer dahin schlängelnder Straßen und verwaister Dörfer fangen Oliver Welter und Michael Gantenberg gut ein. Gleichzeitig zeigen sie, dass sich hinter dem dörflichen Idyll der Vereinswelt Abgründe von Intrige und Bösartigkeit verbergen, nur weil die Menschen sich besser kennen, heißt das noch lange nicht, dass sie netter miteinander umgingen.  Das hat ja insbesondere für den sich gelegentlich über freudlose Anonymität beklagenden Großstadtbewohner etwas Tröstliches. Ansonsten lernt man bei Welter&Gantenberg noch, dass aller landwirtschaftlicher Orientierung zum trotz, auch das Sauerland ein viel besuchtes Urlaubsgebiet ist, vermutlich weil es weder Großstädte noch Autobahnen gibt. Manchmal braucht es ja nicht viel.“

Oliver Welter/Michael Gantenberg, Lang sind die Schatten, Fischer, 396S., 9,99€, Juni 2014

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